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,Die Wirtschaftliche Dimension“,
in dem Maße nach, als sie sich frei ringt von den Vorurteilen der Ge
sinnung. Je wilder bewegt die Wirtschaft einer Zeit, desto bedürftiger
ist sie eines solchen geistigen Arsenals, desto mahnender die Forderung,
es zu schaffen.
Wäre damit nicht gleich auch der zweiten Einrede begegnet?
Wenn das Leben selber nach Wissenschaft verlangt, Wissenschaft sich
aber an Erkenntnis, Erkenntnis an gesinnungsfreies Denken bindet,
darf man da weiter noch fragen, ob es anders auch sein soll, als es
heute unter der Herrschaft des Wortes ist? Allein, als eine vernehm
bare Stimme unserer Zeit ist diese zweite Einrede keineswegs von so
einfachem geistigen Klang, um die Dissonanz zu ihr so eins zwei durch
ein logisches Räsonnement aufzulösen. Wenn es bloß der Vorwurf
wäre, daß Wissenschaft um so farbloser und innerlich kälter wird, je
geflissentlicher sie sich von aller Gesinnung löst, dem würde man leicht
begegnen können. Dieser Vorwurf träfe doch nur die Persönlichkeit,
die Wissenschaft zu treiben hat, nicht aber die Art, in der Wissen
schaft zu treiben ist I Persönlichkeit ohne Gesinnung, nein. Das wissen
schaftliche Denken aber wäre ein armselig Ding, stünde es in Farbe
und Wärme stets nur einer Gesinnung zu Lehen. Je gesinnungsfreier
das Denken, um so mehr ist es etwas schwer Erkämpftes, dieser Kampf
aber ohne Leidenschaft kaum zu führen. Ist diese Leidenschaft wahr
hafter Erkenntnis noch gar nicht erwacht, gibt sich das Denken noch
blindlings dem Worte preis, dann freilich muß es Farbe und Wärme
von der Gesinnung erborgen, der es ausgeliefert bleibt. Je hinreißender
sich naive Theorie aufspielt, desto mehr zahlt sie mit dieser falschen
Münze. Just in unserer Wissenschaft ist es immer noch der sicherste
Weg zum „Namen“, daß man irgendeiner gesinnungsmäßigen Ent
wicklung laut schreiend vorausläuft. Bald dem „Freihandel“, bald dem
„Schutzzoll“, bald der „Hebung der unteren Klassen“, bald der „Erhaltung
der Substanz“. Mit Wissenschaft hat dies nichts zu schaffen. Wissen
schaft steht höher, um bloß das Megaphon für Gesinnungen zu spielen.
Die zweite Einrede, richtig verstanden, führt übrigens viel zu sehr
in die letzten Tiefen der Zeit, unmöglich läßt sich ihr hier Rede stehen.
Was aus ihr spricht, ist innere Abkehr von der Wissenschaft, wie sie
ist, oder gar von Wissenschaft überhaupt. Gerade nur soviel in diesem
Zusammenhang, daß weder das Eine, noch das Andere ganz unver
ständlich erscheint.
An der Abkehr von der Wissenschaft, wie sie ist, trägt diese wohl
auch selber, und nicht zuletzt unser Fach, die Schuld. Wie schwer
wiegt allein schon der Umstand, daß sich mit der Naivität des wort
gebundenen Erkennens eine weitere Kinderkrankheit verbindet: die