Kapitel III. Der Marxismus.
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daß die Tatsache der Mehrarbeit und der des Mehrwertes ganz offenbar
auch ohne die Theorie des Arbeitswertes bestehen bleiben — und über
reichlich durch die Existenz einer Klasse von Menschen in der Gesell
schaft bewiesen wird, die leben ohne zu arbeiten. Denn hieraus ergibt
sich ganz selbstverständlich, daß sie nur von dem Erzeugnis der Arbeit
anderer leben können 1 ). Zugegeben! Dann aber bleibt gar nichts weiter
übrig als die schon lange vorher von Sismondi und den kritischen National
ökonomen der englischen Schule deutlich herausgearbeitete Tatsache —
»des nicht verdienten Einkommens“, so wie sie der ganzen Lehre Saint-
Simon’s und Rodbertus’ zugrunde liegt, und wie sie heute wieder von
der englischen „Schule der Fabier“ aufgenommen worden ist.
Es ist daher nicht recht ersichtlich, was Marx als logischen Beweis
dem hinzugefügt hat, und der alte Streit über die Frage, ob die Arbeiter
ausgebeutet werden, ob die von den sogenannten müßigen Klassen be
zogenen Einkünfte mit einer wirklichen Schaffung von Werten überein
stimmen oder nicht, bleibt offen. Man kann nur sagen, daß durch die
historische Darlegung, die er von der Entwicklung der kapitalistischen
Ordnung gegeben hat, Marx gewisse eindrucksvolle Beweise beibringt,
and hierin liegt in der Tat noch der solideste Bestandteil seines Werkes.
Wenn wir zu dem Gesetz der Konzentration, das das Rückgrat der
marxistischen Lehre ist, übergehen, so ist auch dies stark erschüttert.
Ein Sozialist, Bernstein, hat ihr den meisten Abbruch getan 2 ), indem
er Tatsachen zusammenstellte, die sie widerlegen, auf die aber übrigens
schon seit langem von den bürgerlichen Nationalökonomen hingewiesen
worden war. Wenn auch unzweifelhaft die Großunternehmungen immer
zahlreicher und mächtiger werden, so beweist dies keineswegs, daß sie
die Kleinindustrie und den Kleinhandel ausschalten. Die Statistik zeigt
!m Gegenteil, daß die Anzahl der Kleinindustriellen (diese Handwerker,
deren Aufsaugung nach der marxistischen Doktrin schon seit dem 14. Jahr
hundert begonnen hat) im Steigen begriffen ist! Und wir sehen beständig,
wie irgendeine neue Erfindung wie die Photographie, die Fahrräder, die
Verwendung der Elektrizität im Hause, die Vorliebe für Blumen, einer
Menge kleiner Industrien und kleiner Handelszweige eine Existenz ver
schafft.
Weiterhin tritt die Konzentration aber in den landwirtschaftlichen
*) „Ob die MARx’sche Werttheorie richtig ist oder nicht, ist für den Nachweis
er Mehrarbeit ganz und gar gleichgültig. Sie ist in dieser Hinsicht keine Beweisthese
sondern nur Mittel der Analyse und der Veranschaulichung“ (Bernstein, ebenda,
ö. 42). _ Marx muß aber doch seine Werttheorie nicht für so ganz unbedeutend ge
halten haben, da er sie nicht nebenher, sondern gerade am Anfang seines Buches for
muliert hat.
a ) In dem oben angeführten 1899 veröffentlichten Buch. 1900 erschien eine aller-
a mgs unvollständige französische Übersetzung unter dem Titel: Socialisme theo-
ri que et Social-dßmocratie pratique.