Full text: Einführung in das Studium der Konjunktur

116 Dritter Abschnitt. Einfluß des Konjunkturwandels und der Krisen. 
Am deutlichsten ergibt sich dieser Zusammenhang bei der Ent 
wicklung der Eheschließungen. Die Beziehungen, welche zwi 
schen der Heiratshäufigkeit und der wirtschaftlichen und sozialen Lage 
einer Bevölkerung bestehen, sind seit langem bekannt, schon häufig 
erörtert worden und in ihren Ursachen sehr leicht zu begreifen. In 
wirtschaftlich günstigen Zeiten pflegt die Zahl der Eheschließungen 
relativ zuzunehmen, während sie in wirtschaftlich ungünstigen Zeiten 
einem Rückgänge unterliegt. Man hat diesen wichtigen Zusammen 
hang schon auf Grund der verschiedensten Maßstäbe nachgewiesen. 
Dort, wo eine Volkswirtschaft noch in hohem Maße auf agrarer 
Grundlage ruht, wie es z.B. noch in Rußland der Fall ist und wie es 
bei uns noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall gewesen ist, dort hat 
der Ausfall der Ernten und damit zusammenhängend die Höhe der 
Getreidepreise, einen einschneidenden Einfluß auch auf die ganze 
Lage und Lebenshaltung der nichtlandwirtschaftlichen Bevölkerung. 
Für solche Verhältnisse hat man schon deutlich zeigen können, daß 
zwischen der Höhe der Getreidepreise und der Heiratshäufigkeit eine 
bemerkenswerte Parallelität besteht. 
Je mehr eine Volkswirtschaft diese agrare Basis verliert, je mehr 
sie in die Weltwirtschaft verflochten wird, je weniger Industrie und 
Handel in ihrem Absatz damit auf die Landwirtschaft angewiesen 
sind, um so mehr mußte die Bedeutung der Ernte- und Getreidepreise 
für die wirtschaftliche und soziale Lage des ganzen Volkes zurück 
treten. Andere Faktoren traten an deren Stelle, von denen die wirt 
schaftliche Lage eines Volkes in steigendem Maße abhängig wurde. 
Dazu gehörte für ein Land in der wirtschaftlichen Lage Deutschlands 
in erster Linie die allgemeine Konjunktur. Denn diese ist ja, wie 
wir gesehen haben, in gewissem Sinne bestimmend für,die Lage des 
Wirtschaftslebens eines Landes überhaupt und damit für die Ein 
kommensgestaltung und die ganzen Lebensverhältnisse der weitesten 
Kreise der Bevölkerung. 
Wir haben nun oben gesehen, daß man die Entwicklung der 
Konjunkturen an den Wandlungen des Güterumsatzes in einem Lande 
und damit an dem Umfang des Güterverkehrs messen kann und daß 
die Größe dieses Güterverkehrs in der Rentabilität der Eisenbahnen 
ihren zahlenmäßigen Ausdruck findet. Vergleicht man nun die Kon 
junkturperioden, gemessen an der Rentabilität der deutschen Eisen 
bahnen, mit der Entwicklung der Heiratshäufigkeit, so kann man 
zwischen beiden eine bemerkenswerte Parallelität wahmehmen, wie 
die folgende Gegenüberstellung zeigt.
	        
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