Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

158  Dritter  Abschnitt.  Einfluß  des  Konjunkturwandels  und  der  Krisen.

spielen  noch  zahlreiche  andere  Faktoren  neben  der  Handelsbilanz
für  die  Entwicklung  der  Zahlungsbilanz  und  damit  für  die  Gestaltung
der  Wechselkurse  eine  Rolle.  Und  weiterhin  ist  auch  der  Wechselkurs ­
  kein  so  eindeutiger  Maßstab  für  die  Lage  der  Zahlungsbilanz,
wie  man  es  schon  vielfach  angenommen  hat.
In  einzelnen  Jahren  hat  sich  der  Wechselkurs  sehr  erheblich
dem  oberen  Gold  punkte  genähert,  d.  h.  dem  Punkte,  bei  dem
der  Zahlungsausgleich  durch  Edelmetallsendungen  billiger  ist  als
der  Ausgleich  durch  Wechsel.  Geht  der  Wechselkurs  über  den  oberen
Goldpunkt  hinaus,  so  lohnt  es  sich,  Gold  an  Zahlungsstatt  nach  dem
Auslande  zu  senden,  anstatt  Wechsel  auf  das  Ausland  zu  kaufen;
sinkt  er  dagegen  unter  den  unteren  Goldpunkt,  so  ist  es  billiger,
Gold  aus  dem  Auslande  zu  beziehen.
Daraus  ergibt  sich,  daß  die  sogenannte  Goldbilanz  eines  Landes,
d.  h.  das  Verhältnis  von  Goldeinfuhr  und  Goldausfuhr,  mit  in  erster
Linie  von  der  Höhe  des  Wechselkurses  bestimmt  wird,  daß  sich  also,
so  weit  diese  Wechselkurse  in  dem  genannten  Sinne  von  der  Konjunktur ­
  beeinflußt  werden,  sich  im  Konjunkturwandel  auch  Änderungen ­
  in  der  Goldbilanz  vollziehen  müssen.  j
In  manchen  Jahren  hat  sich  der  Wechselkurs  dem  oberen  Goldpunkte ­
  sehr  genähert  und  mitunter  hat  er  diesen  sogar,  was  aus  den
Jahresdurchschnitten  nicht  hervorgeht,  überschritten 1 ).  Nach  den
Angaben  der  Reichsbank  ist  gegenüber  London  der  Goldpunkt  in  'den
Jahren  1898,  1899  und  1900  22,  19  und  48mal,  in  den  Jahren  1903
und  1904  21mal  und  6mal,  in  den  Jahren  1906,  1907,  1908,  1909  Und
1910  42-,  77-,  5-,  40-  und  27mal  überschritten  worden.  Es  waren  vor
allem  die  Jahre  einer  guten  und  aufsteigenden  Konjunktur,  in  welchen
diese  Überschreitungen  in  größerer  Zahl  vorgekommen  sind.  Wenn
in  diesen  Zeiten,  entgegen  der  Theorie,  keine  stärkere  Goldausfuhr
aus  Deutschland  stattgefunden  hat,  so  hängt  dies  in  erster  Linie  mit
der  damaligen  Politik  der  Reichsbank  und  der  deutschen  Großbanken,
auf  die  hier  jedoch  nicht  näher  einzugehen  ist,  zusammen *  2 ).
Die  folgende  Tabelle  gibt  ein  Bild  der  deutschen  Goldbilanz  in
der  fraglichen  Zeit.  Es  sei  dabei  jedoch  bemerkt,  daß  diese  Zahlen
über  die  internationale  Goldbewegung  auf  große  Zuverlässigkeit
keinen  Anspruch  erheben  dürfen.
!)  Der  untere  theoretische  Goldpunkt  mit  London  beträgt  20,34,  der
obere  20,50,  mit  Amerika  416,80,  und  421,875.  Vgl.  dazu  die  Reichsbank
1876—1910.  Berlin  1912.  S.  82.
2 )  Vgl.  Esslen,  a.  a.  0.  S.204ff.
            
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