220 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.
der Lage am Geldmärkte gezeigt haben. Man kann mit Bestimmt
heit annehmen, daß auch ohne diese politischen Zwischenfälle
diese Versteifung am Geldmärkte weiter zugenommen hätte und
eine weitere Diskontherabsetzung hätte auslösen müssen.
„Aber eine heilsame Wirkung hat die politische Verängstigung
doch gehabt: sie hat'eine Übertreibung der Hochkonjunktur hintan
gehalten, sowohl an der Börse, wie in der Industrie. Den Optimis
mus, der sich gerne über alle sachlichen Erwägungen hinweggesetzt
hätte, hat sie eingedämmt, Berichte aus der Maschinenindustrie, daß
im Frühjahr selbst abschlußreife Geschäfte wegen der politischen
Sorgen zurückgestellt wurden, waren der Beweis dafür. Mancher,
der sonst trotz aller Geldmarktswarnungen an den ewigen Bestand
der Hochkonjunktur geglaubt hätte, hat sich dann doch durch die
Kriegsfurcht abschrecken lassen. Und das war gut. Denn sonst
hätten wir zwar vielleicht noch einen kurzen Konjunkturaufstieg,
aber dafür auch einen um so schärferen Abstieg bekommen.“
„Denn für die Aufrechterhaitung, geschweige für die Weiter
führung der Hochkonjunktur, besaß unsere Wirtschaft
nicht mehr die innere Kraft. Die dauernd fortgeschrittene Ver
knappung am Geldmärkte, das 'Zurückbleiben der Kapitalbildung
hinter dem Kapitalbedarf, hatte diesen Zeitpunkt der Erschöpfung
der Kapitalvorräte schon seit 1911 immer deutlicher angekündigt,
der Verlauf des Jahres 1912 hatte (schon vor dem Balkankrieg),
ihn immer näher geführt, jetzt war er unabwendbar da“ 1 )-
Man kann also sagen, daß bei den beiden letzten Konjunktur
rückgängen, welche wir betrachtet haben, sich die ersten Sym
ptome des kommenden Umschwunges auf dem Geld
märkte gezeigt haben. Beide Male traten hier die Anzeichen be
reits in einer Zeit auf, als in der Industrie und auf dem Arbeitsmarkte
von einem Rückgänge noch nichts zu spüren gewesen ist.
Freilich gibt es, wie schon oben dargelegt, auch noch andere
Symptome, welche auf einen Umschwung in der Geschäftslage hin-,
weisen, also vielleicht als Mittel zu einer Konjunkturprognose ver
wandt werden können. Hierbei ist in erster Linie an die Entwick
lung der Preise gedacht. Schon weiter oben ist davon die Rede
gewesen, daß in der Hochkonjunktur die Preise, besonders diejenigen
der Rohstoffe und Halbfabrikate zu steigen beginnen, daß aber dann von
einem gewissen Punkte ab, damit die Kaufkraft der Bevölkerung nicht
mehr Schritt halten kann, daß viele Käufer diesen hohen Preisen
x ) Feiler, a. a. 0. S. 139.