234 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik.
mäßig den Gang der Konjunktur zu beeinflussen, so kann es sich also
dabei nur um die Aufgabe handeln, diese Wellenbewegung möglichst
abzuflachen, dieses Auf und Ab im Wirtschaftsleben zu mildern und
als unerreichbares Ideal muß vorschweben, diese Schwankungen ganz
zu beseitigen, d. h. auf einer mittleren Linie das ersehnte Gleichgewicht
zwischen Produktion und Konsumtion als dauernden Zustand
herbeizuführen. Eine solche Abflachung der Konjunkturkurve würde
wohl eine Annäherung der Zustände der Hochkonjunktur und Depression
aneinander zur Folge haben, brauchte aber natürlich keineswegs
dahin zu führen, daß der Zustand der Depression ein dauernder
wäre. In diesem Sinne können Einwirkungen sowohl auf die Hochkonjunktur
wie auf die Depression erfolgen. Auf jene in dem Sinne,
daß die Kurve der Hochkonjunktur nicht zu hoch und steil ansteigt,
auf diese in dem Sinne, daß der Absturz kein zu tiefer ist. Dabei
hängt beides natürlich auf das allerengste zusammen, da erfahrungsgemäß
die Stärke und der Umfang des Konjunkturrückganges in
hohem Maße davon bestimmt werden, welchen Verlauf das Wirtschaftsleben
während der Hochkonjunktur, vor allem während der
ausgesprochenen Hausse, genommen hat.
Wie wir oben gesehen haben, sind diese Krisen und Konjunkturschwankungen
erst eine Erscheinung der Neuzeit, und hängen auf
das engste mit den Grundlagen der herrschenden Produktionsweise
zusammen. Es ist dies der Punkt, an welchem auch von seiten des
Sozialismus die schärfste Kritik der herrschenden Wirtschaftsordnung
eingesetzt hat. In dem Erfurter Programm der sozialdemokratischen
Partei Deutschlands heißt es: „Der Abgrund zwischen
Besitzenden und Besitzlosen wird noch erweitert durch die im Wesender
kapitalistischen Produktionsweise begründeten Krisen, die immer
umfangreicher und verheerender werden, die allgemeine Unsicherheit
zum Normalzustand der Gesellschaft erheben und den Beweis liefern,
daß die. Produktivkräfte der heutigen Gesellschaft über den Kopf gewachsen
sind, daß das Privateigentum an Produktionsmitteln unvereinbar
geworden ist mit deren zweckentsprechenden Anwendung und
voller Entwicklung.“
Sehen wir davon ab, daß dieser Satz insoweit den Tatsachen
nicht entspricht, als die Krisen nicht immer umfangreicher und verheerender
geworden sind, daß vielmehr das Gegenteil der Fall ist,
so ist es doch zutreffend, daß diese Störungen auf das engste mit
der herrschenden Produktionsweise, dem Charakter der modernen
Volkswirtschaft als Verkehrswirtschaft, Zusammenhängen. Mit der
Entwicklung der Produktion für den Verkauf, mit der Tatsache, daß
immer mehr für den Markt produziert wurde, mit dem Rückgang der