Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  235

Produktion  für  den  Eigenbedarf  und  auf  feste  Bestellung  (Kundenproduktion), ­
  mit  der  steten  Ausweitung  der  Märkte,  mit  der  Entwicklung ­
  vom  lokalen  Absatzmärkte  zum  Weltmärkte,  mit  der  Tatsache, ­
  daß  immer  mehr  das  Gewinnstreben  und  die  Konkurrenz  und
das  Verwertungsbedürfnis  des  Kapitales  für  den  Umfang  und  die  Art
der  Produktion  maßgebend  geworden  sind,  mußten  die  Größe  und
die  Art  der  Nachfrage  und  damit  die  ganzen  Markt-  und  Absatzverbältnisse
  immer  unübersichtlicher  werden,  und  damit  mußten
solche  Störungen  in  dem  Gleichgewichtszustand  zwischen  Produktion
and  Konsumtion  eintreten.  Auch  die  bereits  erwähnte  Tatsache,  daß
heute  der  sog.  reproduktive  Verbrauch,  der  in  seinem  Ausmaße  sehr
großen  Schwankungen  unterliegt,  eine  so  große  Rolle  spielt,  muß  für
den  Unternehmer  die  Abschätzung  der  Marktverhältnisse  stark  erschweren ­
  und  damit  in  der  Richtung  einer  Störung  des  Gleichgewichts
von  Produktion  und  Konsumtion  hin  wirksam  sein.
Als  nun  in  den  achtziger  Jahren  des  vorigen  Jahrhunderts  Kartelle ­
  in  größerem  Umfange  aufkamen,  d.  h.  Verbände  selbständiger
Unternehmer  mit  dem  Zwecke,  monopolistisch  den  Markt  zu  beherrschen, ­
  da  hat  man  vielfach  geglaubt,  daß  damit  für  die  Produzenten ­
  ein  Weg  gefunden  sei,  eine  bessere  Übersicht  als  zuvor  über
den  Markt  zu  gewinnen,  die  Produktion  in  vollkommenerer  Weise  als
bis  dahin  dem  Bedarf  anpassenzu  können  und  somit  dazu  beizutragen,
diese  wirtschaftlichen  Störungen  zu  beseitigen  oder  doch  wenigstens
zu  mildem.  So  hat  Brentano  damals  gesagt:  „Die  Kartelle  sind
Vereinigungen  von  Produzenten,  um  durch  planmäßige  Anpassung
der  Produktion  an  den  Bedarf  einer  Überproduktion  und  den  sie  begleitenden ­
  verhängnisvollen  Folgen:  Preissturz,  Bankerotte,  Kapitalentwertung, ­
  Arbeiterentlassung  und  Brotlosigkeit  vorzubeugen 1 ).“
■Ähnliche  Anschauungen  hat  dann  am  Ende  der  neunziger  Jahre
Eduard  Bernstein  vertreten:  „Soweit  es  aber  Mittel  treibhausmäßiger ­
  Förderung  der  Überproduktion  ist,  tritt  dieser  Aufblähung
der  Produktion  heute  in  den  verschiedenen  Ländern  und  hier  und
da  sogar'  international,  immer  häufiger  der  Unternehmerverband ­
  entgegen,  der  als  Kartell,  Syndikat  oder  Trust  die  Produktion ­
  zu  regulieren  sucht.  Ohne  mich  in  Prophezeihungen  über
seine  schließliche  Lebens-  und  Leistungskraft  einzulassen 1 ,  habe  ich
seine  Fähigkeit  anerkannt,  auf  das  Verhältnis  der  Produktionstätigkeit ­
  zur  Marktlage  soweit  einzuwirken,  daß  die  Krisengefahr  vermindert ­
  wird 2 ).“  Auch  bei  den  Untersuchungen  und  Verhandlungen
1 )  Über  die  Ursachen  der  heutigen  sozialen  Not.  Leipzig  1889.  S.  23.
*)  D‘ e  Voraussetzungen  des  Sozialismus  und  die  Aufgaben  der  Sozialdemokratie. ­
  Stuttgart  1904.  S.  76.
            
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