Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

238  Vierter  Abschnitt.  Konjunkturprognose  und  Konjunkturpolitik.

zu  liefern,  um  auf  diese  Weise  zur  Ausschaltung  des  Handels  beizutragen, ­
  einem  Ersuchen,  dem  auch  damals  stattgegeben  worden  ist 1 ).
Welche  Rolle  Handel  und  Spekulation  bei  dieser  Unübersichtlichkeit ­
  des  Marktes  spielen  können,  hören  wir  auch  aus  anderen
Erwerbszweigen.  So  wird  uns  aus  der  Seidenweberei  berichtet:
„Dadurch  entwickeln  sich  hier  die  Verhältnisse  so,  daß  das  Streben
der  Fabrik,  in  der  stillen  Saison  die  Händler  zu  Vorratskäufen  zu
bestimmen,  Vorausbestellungen  des  Handels  veranlaßt,  die  deshalb
hier  so  gefährlich  sind,  weil  der  Händler  überhaupt  nicht  sicher
weiß,  ob  er  die  betreffenden  Waren  zu  irgend  einem  Preise  absetzen
können  wird.  Auf  der  anderen  Seite  wird  die  Fabrik,  wenn  bei
geringem  faktischen  Bedarf  eine  lebhafte  spekulative  Kaufbewegung
eintritt,  sehr  leicht  ein  falsches  Bild  über  die  wirklichen  Nachfrageverhältnisse ­
  gewinnen,  da  sie  die  Spekulationskäufe  nicht
immer  vom  Bedarfskauf  unterscheiden  kann  und  wird  zur  Überproduktion ­
  verleitet.  —  Also  mit  anderen  Worten:  die  Händler
bestellen  leicht  zu  viel  auf  Spekulation,  die  Fabrikanten  andererseits
gewinnen  durch  die  relativ  lebhafte  Nachfrage  in  der  stillen  Saison
die  Hoffnung  auf  einen  glänzenden  Verlauf  der  Hauptgeschäftszeit.
Sie  dehnen  daraufhin  ihre  Produktion  aus  und  arbeiten  womöglich
noch  auf  Lager,  um  in  gleicher  Weise,  wie  die  Händler,  in  der  Saison
Spekulationsgewinne  zu  machen.  Der  Effekt  ist:  Überproduktion
und  Produktion,  ohne  Kontakt  mit  dem  Konsum.  So  tritt  man  fast
stets  mit  zu  großen  Vorräten  in  die  Saison  und  erfüllt  dann  die
Nachfrage  -die  Erwartungen  nicht,  so  sind  große  Vorräte  entwertet.
An  die  Stelle  der  erhofften  Gewinne  treten  allseitige  Verluste  und
Stockung  von  Absatz  und  Produktion 3 ).“
Wo  deshalb  Kartelle,  wie  dies  auch  in  der  Seidenwebereiindustrie
der  Fall  war,  solche  „spekulativen“  Händlerkäufe  einschränken,  werden ­
  die  wirklichen  Marktverhältnisse  für  den  Produzenten  übersichtlicher. ­
  Wo  die  Händlerspekulation  einen  zu  großen  Umfang  annimmt,
da  hat  sie,  um  mit  Beckerath  zu  reden,  lediglich  die  Tendenz,  an
die  Stelle  des  natürlichen  Wechsels  von  stiller  Saison  und  Geschäftssaison ­
  die  verlustbringenden  Wechsel  von  Überproduktion  und  Absatzkrisis ­
  zu  setzen,  weshalb  ihre  Einschränkung  durch  die  Kartelle  von
besonderem  Wert  ist.
Wenn  man  diesen  Einfluß  des  Handels  und  der  Spekulation,
welche  beide,  richtig  angewandt,  volkswirtschaftlich  sehr  wichtige
und  nützliche  Funktionen  erfüllen  können,  damals  auf  die  Preisbildung  1  2

1 )  Vgl.  dazu  Bonikowsky,  a.  a.  0.
2 )  Beckerath,  Die  Kartelle.  A.  a.  0.  S.  171.
            
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