Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

5.  Die  Beeinflussung  von  Konjunktur  und  Konjunkturwandel.  239

und  damit  auf  den  Aufschwung  in  der  Hochkonjunktur  ins  Auge  faßt,
so  wird  man  immerhin  dazu  kommen,  der  seitdem  eingetretenen
umfassenderen  Organisation  und  Ausgestaltung  der  Kartelle,  vor
allem  den  Verbrauchern  gegenüber,  einen  beruhigenden  Einfluß  auf
die  Wellenbewegung  der  Konjunktur  zuzuerkennen.  Man  wird
auch  leicht  einsehen,  daß  ein  festgefügtes  Syndikat  weit  besser  in
der  Lage  ist,  einen  Überblick  über  die  Marktlage  und  über  ihre
weiteren  Aussichten  zu  gewinnen,  als  eine  große  Zahl  von  Unternehmern, ­
  zwischen  denen  keinerlei  fest  organisierte  Beziehungen
bestehen.
Das  Wachstum  und  die  Ausdehnung  der  Kartelle  hat  den  Handel
und  damit  auch  die  Spekulation  erheblich  eingeengt.  Ist  es  doch
bekannt,  daß  auch  gerade  von  den  großen  Syndikaten  der  Weitervertrieb ­
  ihrer  Erzeugnisse  durch  den  Handel  auf  das  straffste  organisiert ­
  ist,  daß  der  Weiter  vertrieb  bei  manchen  Kartellen  durch
Händlerorganisationen  erfolgt,  welche  mit  den  Kartellen  dauernd  in
engster  Beziehung  stehen  und  daß  diese  Händlerorganisationen  vielfach ­
  nur  ganz  bestimmte  Rabatte  auf  ihre  Bezüge  genießen,  ein
Verfahren,  das  jedenfalls  die  Übersicht  über  die  Marktlage  gegenüber
den  früheren  Verhältnissen  wesentlich  erleichtert  und  den  Kartellen
einen  wesentlich  stärkeren  Einfluß  auf  die  Preisbildung  einräumt.
Es  kommt  nur  darauf  an,  daß  die  Kartelle  selbst  im  Hinblick  auf  die
Preisstellung  einen  mäßigenden  Einfluß  ausüben,  und  sich  selbst
keine  Ausschreitungen  zuschulden  kommen  lassen.
Im  einzelnen  sind  diese  Verhältnisse  bei  den  verschiedenen
Kartellen  sehr  wenig  gleichartig  gestaltet 1 ).  Am  straffsten  ist  die
Regelung  dorten,  wo  auch  für  den  Händler  die  Verkaufspreise  festgesetzt ­
  sind  und  wo  nur  eine  beschränkte  Anzahl  von  Händlern  zum
Vertrieb  der  Kartellprodukte  zugelassen  ist.  Das  ist  z.  B.  beim
Kohlensyndikat  und  beim  Stahlwerksverband  der  Fall.
Freilich  ist  der  Einfluß  der  Kartelle  auf  die  Schwankungen  der
Konjunktur  und  auf  das  Ausmaß  dieser  Schwankungen  nicht  nur
eine  Sache  des  Wollens,  sondern  auch  eine  Sache  des  Könnens.
Wie  ein  guter  Kenner  des  Kartellwesens  diese  Tatsache  ausgedrückt
hat:  „Wie  schon  gesagt,  gelingt  es  nur  selten,  das  Bedürfnis  der
Industrie  nach  stabilen  Wirtschaftsgrundlagen,  nach  Abmilderung
der  Konjunkturrisiken  und  die  Forderung  maßvoller  Preis-  und

U  Vgl.  dazu  Bonikowsky,  a.  a.  0.  und  ferner  Lief  mann,  Kartelle
und  Trusts.  4.  Aufl.  Stuttgart  1920.  S.  124  ff.  Vgl.  zu  dieser  Frage  des
Zusammenhanges  von  Kartellen  und  Krisen  ferner:  Tschiersky,  Konjunktur ­
  und  Kartelle.  Kartellrundschau  1920.  —  Neurath,  Die  Wirtschafte
krise  und  das  Kartellwesen.  Gemeinverst.  Vorträge  1902.  —  J.  Überproduktion ­
  und  Kartelle.  Neue  Zeit.  26.  Jahrg.,  1.  Bd.
            
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