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5. Die Beeinflussung von Konjunktur und Konjunkturwandel. 241
scheinen. Es handelt sich hier um Gegensätze zwischen privat
wirtschaftlichen und gemeinwirtschaftlichen Erwägungen und je mehr
sich die Kartelle auch von diesen letzteren Gesichtspunkten leiten)
lassen, um so stärker kann der beruhigende Einfluß sein, welchen
sie auf die Hochkonjunktur und damit auf den Ablauf der Konjunktur
überhaupt auszuüben vermögen.
Wenn wir nun sehen, daß vor allem bei uns in Deutschland die
beiden letzten Perioden des wirtschaftlichen Niederganges (1908 und
1913) im Gegensatz zu früher nicht den Charakter ausgesprochener
Wirtschaftskrisen getragen haben, daß hierbei die großen Er
schütterungen im Wirtschaftsleben fehlten, wie sie der Konjunktur
rückgang des Jahres 1900 aufzuweisen hatte, wenn man also hier
bei nicht mehr von Wirtschaftskrisen, sondern nur noch von einem
Rückgang oder Abflauen der Konjunktur in dem Sinne reden konnte,
daß das Wirtschaftsleben in ruhigere Bahnen lenkte, so mag es sein,
daß an dieser günstigen Entwicklung auch die Kartelle einen gewissen
Anteil gehabt haben. Wenn sich beide Male der Niedergang in so
wesentlich ruhigeren Formen vollzog, als in früherer Zeit, so hing
dies eben zweifellos in erster Linie auch damit zusammen, daß in
beiden Perioden die Hochkonjunktur keinen so steilen Aufstieg
nahm, wie am Ausgange des 19. Jahrhunderts, und daß beide Male
das Wirtschaftsleben vor solchen spekulativen Ausschreitungen be
wahrt geblieben ist, wie sie damals vorgekommen sind.
In welchem Sinne eine einsichtige Kartellpolitik das Wirt
schaftsleben vor solchen Übertreibungen in der Preisbildung und
bei der Spekulation bewahren kann, ergibt sich aus dem eben Dar
gelegten. Ebenso liegt es auf der Hand, daß und warum die Art
und der Umfang des wirtschaftlichen Niederganges in besonders
hohem Maße davon abhängig sind, in welcher Weise und bis zu
welchem Grade sich die Hochkonjunktur entwickelt hat. In diesem
Sinne gehört es zu den wichtigsten und vornehmsten Mitteln der
Konjunkturpolitik, das Wirtschaftsleben während der Hochkonjunktur
vor allen solchen Übertreibungen zu bewahren. Dazu können die
Kartelle mancherlei beitragen.
Auch neuerdings werden wieder zahlreiche Klagen laut, daß
manche Kartelle, vor allem die Rohstoffverbände, unter Ausnutzung
einer momentanen Marktlage die Preise übertrieben hoch ansetzen,
hn März 1923 hieß es in einer Zuschrift an die Frankfurter Zeitung
aus den Kreisen der Maschinenfabrikation: „Auch die Preise für
Temperguß haben eine, unserer Ansicht nach, nicht gerechtfertigte
Höhe erreicht. Der Verein deutscher Tempergießereien berechnet
Temperguß für kleine Stücke ab Werk mit 12000 Mark für das Kilo,