Zweiter Abschnitt.
Der Ablauf der Konjunktur in Deutschland seit der
Begründung des Reiches.
1. Bis zum Beginn des großen Krieges.
In diesem Abschnitt soll nur eine kurze Übersicht über den Ablauf
der Konjunktur in Deutschland bis zum Beginn des Krieges gegeben
werden. Das statistische Material wird erst in dem folgenden
Abschnitte zur Darstellung kommen. Denn es empfiehlt sich, die
Merkmale und Symptome der Konjunktur auf den einzelnen Gebieten
des wirtschaftlichen und sozialen Lebens voneinander getrennt zu
behandeln, also systematisch darzustellen und nicht in die geschichtliche
Betrachtung einzugliedern.
Nach der Gründung des Reiches begann ein gewaltiger wirtschaftlicher
Aufschwung einzusetzen, dessen wirtschaftliche und
psychologische Ursachen aus den damaligen Verhältnissen heraus
leicht zu verstehen sind.
„So brachte nach dem deutsch-französischen Kriege allein der
phantastische Gedanke, daß nach einer so ungeheuren Betätigung
seiner militärischen Kraft Deutschland auch einen entsprechenden
Aufschwung auf wirtschaftlichem Gebiete nehmen müsse, die unbestimmte
Ahnung einer großen nationalen Zukunft, kurz, das erhöhte
Selbstgefühl des deutschen Volkes, eine Spannung der wirtschaftlichen
Kräfte hervor, die eine Steigerung aller Werte zur
unmittelbaren Folge hatte. Der Wert des Grundeigentums in Stadt
und Land schnellte in die Höhe; die Staatspapiere und sonstigen
Anlageeffekten stiegen im Preis; — dies waren Erscheinungen, die
auch ohne den Milliardenzufluß erklärlich gewesen wären und auch
ohne denselben stattgefunden hätten. Mit der Wertsteigerung des
Grund und Bodens sowohl wie des mobilen Eigentums, mußte notwendig
ein Steigen der Lebensmittelpreise und der Mietpreise Hand
in Hand gehen, und nichts war natürlicher und gerechtfertigter, als
daß nun auch die Arbeiter mit erhöhten Lohnforderungen auftraten
und solche, bei dem überall herrschenden vollkräftigen Vertrauen in
die Zukunft leicht durchsetzten 1 ).
D Stöpel, Die Handelskrisis in Deutschland. Frankfurt a. M. 1875.
Seite 20.