Full text: Einführung in das Studium der Konjunktur

1. Bis zum Beginn des großen Krieges. 49 
Neuanlagen einmal an einen toten Punkt kommen muß. Das muß 
dann der Fall sein, wenn der 'Absatz an Fertigfabrikaten, der 
Verbrauch an Genußgütern, ein verlangsamtes Tempo annimmt, also 
im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit der Industrie ins Stocken 
gerät, wie es damals der Fall gewesen ist, als infolge der steigenden 
Preise und der Verteuerung der unmittelbaren Lebenshaltung die 
Kaufkraft der Bevölkerung zu erlahmen begann. Von einer weiteren 
Ursache, welche nach der gleichen Richtung hin wirksam ist und 
die auch damals ohne Zrveifel hemmend auf den Weitergang dieser 
günstigen Konjunktur eingewirkt hat, dem damals vor allem auch 
in Deutschland stark einsetzenden Kapitalmangel, wird weiter unten 
noch die Rede sein. 
Als rein äußeres Moment, das den Abbruch dieser günstigen 
Konjunktur noch beschleunigte, kam damals noch der Balkankxieg 
hinzu, der zu erheblichen Störungen an der Börse, zu starken 
Kursstürzen und erheblichen Diskonterhöhungen führte. Das Jahr 
1913 sah in Deutschland eine vollständige Depression fast in allen 
Erwerbszweigen. Absatz und Preise gingen zum Teil erheblich zu 
rück, die Gewinne der Industrie und damit auch die Kurse der Divi 
dendenpapiere erlitten einen starken Rückgang. Nur ganz wenige 
Industrien, wie vor allem die chemische und die elektrische In 
dustrie, machten davon eine Ausnahme. 
Auch bei diesem letzten Wandel in der Konjunktur läßt sich die 
gleiche Beobachtung machen, wie bei dem Konjunkturrückgang im 
Jahre 1907. Auch im Jahre 1913 hat es sich nur um ein Abflauen 
der Konjunktur gehandelt, ohne daß man von einer Krise im aus 
gesprochenen Sinne reden kann. Man hat schon mit Recht als Er 
gebnis dieser Entwicklung davon gesprochen, daß die Tendenz auf 
eine Nivellierung der Konjunkturkurve hinziele. „Der Abstand 
zwischen Tiefst- und Höchstpunkt wird geringer, die Senkungen 
bringen nicht mehr einen so jähen Absturz, weil auch die Hebungen 
nicht mehr ein so wildes Emporschnellen bringen 1 )“. 
Wenn man bisher bei der Betrachtung und Beobachtung der 
Konjunktur von Hausse und Baisse, von einer günstigen und un 
günstigen Entwicklung gesprochen hat, so hat man immer die Sach 
lage vom Standpunkte des Produzenten aus betrachtet, dabei aber 
doch auch immer angenommen, daß in dieser Hinsicht das Interesse 
des Produzenten mit dem Interesse der ganzen Volkswirtschaft Hand 
in Hand gehe. Zwar gibt es im eigentlichen Sinne keine Volkswirt 
schaft als solche. Wir haben es in der heutigen Organisation von 
U Feiler, Die Konjunkturperiode 1907—1913 in Deutschland. Jena 
1914. Seite 167.
	        
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