Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

48  Zweiter  Abschnitt.  Der  Ablauf  der  Konjunktur  seit  Gründung  des  Reiches

ziehen  begann  und  dadurch  die  europäischen  Notenbanken  zwang,
zum  Schutze  ihres  Goldbestandes  ihren  Diskontsatz  zu  erhöhen.  Die
deutsche  Reichsbank  mußte  am  7.  November  1907  mit  ihrem  Satze
bis  auf  71/2  °/o  heraufgehen.  Die  Depression  hielt  das  ganze  Jahr
1908  hindurch  noch  an  und  erst  im  Jahre  1909  zeigten  sich  Ansätze
zu  einer  Besserung.
Dieser  Rückgang  der  Konjunktur  hatte  einen  ganz  anderen
Charakter,  als  derjenige  in  den  siebziger  Jahren  und  um  die  Jahr
hunderlwende.  Von  einer  Krise  konnte  man  jetzt  in  Deutschland
nicht  sprechen,  nur  von  einem  Rückgang  oder  einem  Abflauen  der
Konjunktur.  Weder  war  die  Kurve  der  Hochkonjunktur  so  steil
angesliegen,  wie  es  in  den  früheren  Perioden  der  Fall  gewesen  war,
noch  war  auch  dann  bei  dem  Rückgang  der  Abfall  der  Kurve  ein
so  plötzlicher  und  jäher  gewesen.  Die  Wellenlinien  des  Konjunkturablaufes ­
  hatten  zweifellos  ein  flacheres  Gepräge  angenommen.
Die  Ansätze,  welche  sich  bereits  im  Jahre  1909  zu  einer  Besserung ­
  zeigten,  bauten  sich  dann  im  Jahre  1910  weiter  und  stärker
aus,  so  daß  man  von  diesem  Jahre  ab  wieder  von  einem  deutlichen
Aufstieg,  welcher  dann  bis  zum  Jahre  1912  anhielt,  reden  konnte.
Eine  ausgesprochene  Hochkonjunktur  ist  jedoch  erst  in  diesem  Jahre
1912  eingetreten.  Erst  in  diesem  Jahre  war  die  Industrie  wieder  bis
an  die  Grenze  ihrer  Leistungsfähigkeit  beschäftigt,  erst  in  diesem
Jahre  trat  wieder  eine  besonders  starke  Preissteigerung  und  eine
besonders  starke  Erhöhung  der  Jndustriegewinne  ein.
Wie  so  häufig  im  Ablauf  der  Konjunkturen,  waren  es  auch  hier
mit  in  erster  Linie  die  überaus  hohen  Preise,  vor  allem  bei  Industrierohstoffen ­
  und  Halbfabrikaten,  an  denen  der  Fortgang  dieser  günstigen ­
  Konjunktur  scheitern  mußte.  Es  fehlte,  vor  allem  auch  im
engen  Zusammenhang  mit  der  in  dieser  ganzen  Periode  eingetretenen
Steigerung  der  unmittelbaren  Lebenskosten,  der  Masse  des  Volkes  die
Kaufkraft,  um  auf  die  Dauer  als  >  Abnehmerin  von  Industrieerzeugnissen ­
  bei  solch  hohen  Preisen  auftreten  zu  können.  So  sehr  auch
in  diesen  Jahren  die  deutsche  Ausfuhr  an  Fabrikaten  gestiegen  war,
so  wenig  konnte  sie  das  ersetzen,  was  aus  dem  genannten  Grunde  der
innere  Markt  an  Absatzmöglichkeiten  nicht  bieten  konnte.
Eine  Hauptursache  der  regen  Beschäftigung  der  Industrie,  welche
im  Verlaufe  einer  jeden  aufsteigenden  Konjunktur  auftritt,  war  die
Herstellung  neuer  Produktionsmittel  und  neuer  technischer  Anlagen
für  Neugründungen  und  Betriebserweiterungen  gewesen..  Es  handelte ­
  sich  also  hier  um  eine  Beschäftigung  für  den  reproduktiven
Konsum.  Wir  haben  jedoch  schon  oben  gesehen,  daß  es  in  der
Natur  der  Sache  liegt,  daß  die  Beschäftigung  der  Industrie  für  solche
            
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