2. Die Konjunktur während und nach dem Kriege.
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eigene Kaufkrait erhöht, seine auf diese Weise erhöhte Kaufkraft
übertrug sich dann auch durch die damit bewirkten Zahlungen
für Lieferungen, für Gehälter und Löhne, auf die weitesten Kreise der
Bevölkerung. So konnte nicht nur das Reich für seinen Bedarf jeden
Preis zahlen, auch für weite Teile des Volkes war auf diese Weise
die Möglichkeit geschaffen, aus dieser Quelle mittelbar ihre alte Kauf
kraft entweder aufrecht zu erhalten oder noch über das frühere
Maß hinaus zu steigern.
In dem Maße, in welchem sich diese hier nur kurz geschilderte
Entwicklung vollzog, konnte sich ein großer Teil der Einzelwirt
schaften bereichern, aber nur auf Kosten des Reiches. Denn dieses
mußte in dem Maße, als Einzelwirtschaft betrachtet, ärmer werden,
als seine Schuldenlast auf diese Weise anstieg. Das Volksvermögen
setzt sich eben aus dem Vermögensbesitz der privaten Wirtschaften
und demjenigen der öffentlichen Körperschaften zusammen. So
ist es auf einfache Weise zu erklären, daß gleichzeitig die privaten
Vermögen steigen können, ohne daß das Volksvermögen dabei eine
Zunahme erfährt, ja, daß dieses dabei noch sinken kann.
Hätte das Reich seine Kriegsausgaben mittels Steuern auf den
Verbrauch oder auf Einkommen und Vermögen gedeckt, so hätte
diese Wirkung einer solch künstlich aufgeblähten Kaufkraft nie ein-
treten können. Dann hätte sich eben das Reich nicht, wie es tat
sächlich der Fall gewesen ist, eine solch künstliche zusätzliche
Kaufkraft geschaffen, seine Kaufkraft wäre vielmehr auf Kosten der
jenigen der Einzelwirtschaften gestiegen. Dann wäre es aber auch un
denkbar gewesen, daß gleichzeitig mit einer Verarmung der ganzen
Volkswirtschaft eine so große Zahl einzelner Erwerbswirtschaften
eine solche Hochkonjunktur hätten erleben können, wie es tat
sächlich der Fall gewesen ist.
Mit diesen Verhältnissen während des Krieges weisen die Zu
stände in der Nachkriegszeit manche Ähnlichkeiten auf. Auch
in dieser Nachkriegszeit treffen wir di© beiden schon während des
Krieges beobachteten Erscheinungen an: auf der einen Seite äußerst
günstige Verhältnisse zahlreicher privater Erwerbswirtschaften, hier
vielfach zeitweilig eine ausgesprochene Hochkonjunktur, ohne daß
auf der anderen Seite, genau wie während des Krieges, von einer
Zunahme des allgemeinen Volkswohlstandes die Rede sein könnte.
Wissen wir doch vielmehr alle, daß diese großen Gewinne zahl
reicher Erwerbsgesellschaften, die großen Spekulationsgewinne an
der Börse und ähnliches, alles in einer Zeit stattgefunden hat, in
welcher von einer Blüte, einem Wohlergehen des deutschen Wirt
schaftslebens keine Rede sein konnte. Hat man doch auch deshalb