58 Zweiter Abschnitt. Der Ablaut der Konjunktur seit Gründung des Reiches.
vor Augen hält, dann wird man aber auch sagen können, daß diese
großen Gewinne, welche gemacht wurden, nur scheinbar so hoch
gewesen sind. Dann wird man aber auch nur in eingeschränktem
Sinne von einer privatwirtschaftlichen Hochkonjunktur, von über
mäßig gestiegenen Aktienkursen oder von einer Börsenhausse
reden dürfen. Denn in all diesen Fällen wird man Gewinne und
Kurse der Dividendenpapiere in ihrer Höhe an der Verschlechterung
der Mark messen müssen.
Es ist hier eben ein doppelter Vergleichsmaßstab möglich und
je nachdem man den einen oder anderen anlegt, wird man auch zu
einem anderen Ergebnis kommen müssen.
Stellt man das einemal diese, in Papiermark ausgedrückten Ge
winne und Börsenkurse der Tatsache gegenüber, daß diese Werten
gegenüberstanden, die Goldmark repräsentierten, daß man also Ge
winne und Kurse während der Nachkriegszeit in ihrer Höhe nicht
einfach und schematisch mit denjenigen während der Vorkriegszeit
vergleichen darf, daß bei der Reduktion dieser Nachkriegsgewinne
und Nachkriegskurse auf Goldmark sich diese sehr bescheiden und
niedrig ausnehmen würden, so muß man es ablehnen, hier von einer
besonders günstigen Konjunktur der Erwerbswirtschaften zu sprechen.
Ganz anders gestaltet sich jedoch das Bild, wenn man die Höhe
dieser Gewinne und Kurse nicht an dem realen Wert der ihnen zu
grunde liegenden Produktionsanlage mißt, sondern vor allem die Höhe
dieser Gewinne in Vergleich setzt zu der ganzen gleichzeitigen Lage
der Volkswirtschaft und zu der Tatsache, daß das reale Einkommen
weiter Schichten der Bevölkerung eine gewaltige Einbuße erlitten
hat. An einem solchen Maßstab gemessen, wird man dann freilich
diese Gewinne vielfach als sehr hoch empfinden müssen und unter
diesem Gesichtspunkte auch berechtigt sein, in dieser Zeit von einer
Hochkonjunktur in bestimmten Erwerbszweigen zu reden.
Freilich gilt das eben Gesagte nur von den allerersten Jahren
nach dem Kriege. Diese Sachlage begann eine wesentlich andere
zu werden ,als etwa von der Mitte des Jahres 1922 ab der Wert der
Mark in einem Ausmaße zu sinken begann, wie niemals zuvor. Jetzt
begann den stetig steigenden Preisen gegenüber die Zunahme der
schwebenden Schuld ihren inflatorischen Charakter zu verlieren,
und die in Papiermark ausgedrückt stetig steigenden Dividenden der
Aktiengesellschaften blieben immer mehr hinter den Erträgnissen
der Vorkriegszeit zurück, so daß an diesem Maßstab gemessen mit
dem rapiden Sturz der Markvaluta diese privatwirtschaftliche Hoch
konjunktur immer mehr zurücktreten und die Erwerbswirtschaften