Full text : Einführung in das Studium der Konjunktur

2.  Die  Konjunktur  während  und  nach  dem  Kriege.

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„Wenn  Deutschland  zahlen  könnte,  was  von  ihm  verlangt  wird,
so  wäre  die  einzige  Möglichkeit,  sich  die  Zahlungsmittel  zu  verschaffen, ­
  die  Vermehrung  des  Exports.  Was  könnte  Deutschland
exportieren?  Deutschland  ist  vor  allem  Industriestaat.  Was  Deutschland ­
  an  Rohstoffen  auf  den  Weltmarkt  bringt,  ist  verhältnismäßig
gering.  Dagegen  ist  Deutschland  genötigt,  Nahrungsmittel  einzuführen. ­
  Als  eine  Folge  des  Verlustes  eines  großen  Teiles  seiner  Erzund
  Kohlenlager  muß  Deutschland  sowohl  Eisenerz  als  auch  Kohlen
für  seine  Hütten  und  Fabriken  vom  Auslande  kaufen.“
„Was  Deutschland  an  vermehrtem  Export  herausbringen  würde,
könnte  nur  aus  Fertigfabrikaten  bestehen.  Um  diese  Mehrausfuhr
von  Fabrikaten  trotz  des  Wettbewerbes  anderer  Industriestaaten  zu
ermöglichen,  müßte  die  deutsche  Bevölkerung  mehr  Stunden  am
Tage  und  für  geringere  Entlohnung  arbeiten,  der  Fabrikant  müßte
auf  Teile  seines  Profits  verzichten;  ferner  müßte  der  Import  auf
das  geringstmögliche  Maß  eingeschränkt  werden.  Aber  die  Konkurrenzstaaten ­
  werden  nicht  müßig  Zusehen,  wie  ihnen  ihr  Absatz  verloren ­
  geht  und  sie  in  die  Gefahr  wachsender  Arbeitslosigkeit  und
schwerer  Einbußen  geraten.  Soweit  deutsche  Güter  in  ihren  eigenen
nationalen  Markt  eindringen,  werden  sie  sie  durch  Schutzzolltarife
auszuschließen  suchen.  Soweit  aber  die  Konkurrenzstaaten  ihren
Stand  auf  den  neutralen  Märkten  behaupten  wollen,  sind  sie  gezwungen, ­
  ebenfalls  ihren  Arbeitslohn  und  Profit  herabzusetzen.  Wir
sehen,  daß  alle  anderen  Industriestaaten  der  Welt  ein  vitales  Interesse ­
  daran  haben,  den  auf  Vermehrung  des  deutschen  Exportes
gerichteten  Anstrengungen  entgegenzuwirken  und  dies  kann  nur  geschehen, ­
  durch  ein  allgemeines  Herabdrücken  des  Niveaus  der
Lebenshaltung  !).“
Klarer  und  deutlicher  hätte  man  den  unlösbaren  Zusammenhang,
in  welchem  die  Höhe  der  deutschen  Reparationslasten  mit  der  wirtschaftlichen ­
  Lage  der  übrigen  Industriestaaten  steht,  nicht  ausdrücken
können,  als  es  in  diesen  Worten  geschehen  ist.
Es  handelt  sich  hier  eben  um  das  Problem  der  weltwirtschaftlichen ­
  Solidarität,  darum,  daß  alle  Länder  in  Aus-  und  Einfuhr  aufeinander ­
  angewiesen  sind  und  sich  dann  wieder  auf  dritten  Märkten  als
Konkurrenten  einander  gegenüberstehen.
Deutschland  ist  kein  Land,  das  Rohstoffe  und  Lebensmittel
ausführen  kann.  Das  überwiegende  Schwergewicht  seiner  Ausfuhr
liegt  auf  dem  Gebiete  der  fertigen  Waren  und  hierbei  wieder  vor
allem  solcher,  die  viel  Arbeit  enthalten.  Diese  Fabrikate  unterliegen ­
  jedoch  als  beliebig  vermehrbare  Produkte  dem  bekannten

D  Zitiert  nach  dem  Berichte  des  Bankarchivs,  22.  Jahrgang  1923,  S.  100.
            
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