Full text : Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

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Einleitung,

Was sollen wir unter diesem Eurem Sein verstehen? Da
wir selbst keinen Rat wissen, so macht doch Ihr uns recht deutlich,
 was Ihr damit ausdrücken wollt, wenn Ihr vom „Seienden“
sprecht. Denn offenbar wisst Ihr doch dies schon lange, wir aber
glaubten es vorher schon zu wissen, jetzt aber stehen wir ratlos.“21)
An diesem Punkte hat Platon, wie man sagen darf, den logischen
Höhepunkt Sokratischer Methodik erreicht. Indem er auf diese
Weise gegen den allgemeinen Begriff des Seins fragen lehrt, muss
deutlich werden, dass keine Antwort, die selbst dem Bereich des
Seins entnommen wäre, der Tiefe des neuen Problems mehr gerecht
 werden kann. —
Der neue Weg, den Platon uns weist, führt durch die Ana-(yse
 des Urteils hindurch. Was bedeutet es, wenn wir mit einem
Subjekt ein bestimmtes Prädikat verknüpfen, wenn wir von einem
A aussagen, dass es B ist? Worin liegt der Grund und die Gewähr
 des Zusammenhangs, der hier im Denken schlechthin gesetzt
 und behauptet wird? Blicken wir auf das Gebiet des sinnlichen
 Seins hinüber, so muss jede derartige Bindung, die der
Gedanke vollzieht, uns rechtlos und willkürlich scheinen. Denn
keinem empirischen Gegenstand kommt irgend welche Bestimmung
schlechthin und für immer zu, sondern er ist bald dies, bald jenes,
bald gross, bald klein, bald schwer, bald leicht, je nachdem er von
verschiedenen Subjekten und zu verschiedenen Zeitpunkten aufgefasst
 wird. Das „Ist“ der Copula verleiht den konkreten Zuständen
 des Seins nur eine scheinbare und trügerische Dauer und
Einheit. In meisterhafter Klarheit deckt Platon Schritt für Schritt
Jliese Illusion des „Daseins“ auf. In buntem Wechsel lösen sich
verschiedenartige und beziehungslose Merkmale und Beschaftenheiten
 gegenseitig ab: mit welchem Recht dürften wir versuchen,
in diesem rastlosen Geschehen einen beharrenden dinglichen
„Träger“ festzuhalten? Hier entschwindet uns jeder Halt und
Stützpunkt, und so wenig uns ein Gegenstand zurückbleibt, so
wenig können wir, recht betrachtet, von irgend einer dauernden
Eigenschaft oder einem identischen Subjekt sprechen. Nichts
ist an sich selbst weder ein Eins, noch ein irgendwie Beschaffenes,
weder ein „Etwas“ noch ein „Derartiges“, weder ein „Ich“, noch
ein „Du“: „sondern durch Bewegung und Veränderung und wechselseitige
 Mischung wird Alles, wovon wir, mit einem falschen
            
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