Full text: Kann das Geld abgeschafft werden?

.- 60 — 
„Die Kräfte, die die persönliche Konsumption in vernünftige Grenzen 
ziehen, müssen durchaus nicht notwendig einen äußeren Zwangscharakter 
tragen. Der Mensch kann freiwillig, aus Rücksicht auf die Interessen anderer, 
seine Konsumption einschränken. In der gleichen Richtung wirkt, ohne 
jedwede Zwangsgesetze oder -regeln, auch die Furcht vor der öffentlichen 
Meinung ... Endlich muß man im Auge behalten, daß es Gebiete gibt, wo 
das persönliche Interesse mit dem gesellschaftlichen völlig übereinstimmt; 
die Gesellschaft verliert nichts, sondern gewinnt nur, wenn Bibliotheken, 
Museen, Bildungsanstalten eine große Zahl von Besuchern aufweisen ... 
Untgeltliche medizinische und veterinäre Hilfe bilden schon jetzt‘ (1907) 
„den herrschenden Typus in den russischen Dörfern derjenigen Gouverne- 
ments, wo die Semstwos vorhanden sind. Zweifellos wird das Gebiet freier 
kommunistischer Konsumption in der sozialistischen Gesellschaft äußerst 
erweitert werden‘‘ (126flg.). 
Der Gedanke der freien Konsumption in der kommunistischen Wirt- 
schaftsordnung ist zuerst von Winstanley vertreten worden (‚Das 
Gesetz der Freiheit als Programm entwickelt, oder die Wiederherstellung 
der wahren Regierung‘‘, 1651). Winstanley ist der Ansicht — nach 
Voigts Bericht —, „der Grundfehler der heutigen Ordnung bestehe darin, 
daß mit allem Handel getrieben werde. Dem Kaufen und Verkaufen müsse 
daher gründlich ein Ende gemacht werden, denn dessen Aufkommen sei der 
eigentliche Sündenfall . . . Um dem Handel ein Ende zu machen, müßten 
zwei Magazine errichtet werden, eins für Rohstoffe und eins für gebrauchs- 
iertige Fabrikate, und aus diesen müßte jeder holen dürfen, wessen er für sich 
und seine Familie bedürfe‘“ (Voigt, S. 86). 
Nach Voigts Meinung übersehen die Vertreter der freien 
kommunistischen Konsumption, daß „die Erde selbst ein be- 
schränktes Gebiet ist und ihre Güter ebenfalls nur in beschränkter 
Menge hervorgebracht werden können und daher unmöglich .. 
jedem in beliebiger Menge zur freien Verfügung gestellt werden 
können“ (S. 87). Diesem Einwand begegnet Lenin, indem er 
die Gedanken der gleichmäßigen und zwangsläufigen Verteilung 
der Güter und der Freiheit des Konsums nebeneinanderstellt und 
den zweiten Grundsatz dem ersten überordnet: 
„In der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft (gewöhnlich 
Sozialismus genannt) bleibt das bürgerliche Recht als Regler, als Verteiler 
der Arbeit und Konsumptionsmittel unter die Mitglieder der Gesellschaft 
bestehen. Das ist aber noch nicht Kommunismus... Der enge Hori- 
zont des bürgerlichen Rechts wird erst dann überschritten sein, wenn die 
Gesellschaft den Grundsatz ‚, Jeder nach seinen Fähigkeiten, Jedem nach 
seinen Bedürfnissen‘‘ wahr gemacht haben wird. Die Verteilung der Kon- 
sumptionsmittel wird dann die Normierung der jedem einzelnen zukommenden 
Mengen durch die Gesellschaft unnötig machen; jeder wird frei nehmen nach 
seinen Bedürfnissen‘ (Staat, S. 88/90). 
Bei Entscheidung der Frage ist davon auszugehen, daß der 
letzte Grund des Verteilungsproblems wirtschaftlich gesehen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.