96 Drittes Buch. Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung. [1554
Staaten an dem Ziele scheiterten als es erreichten; wo die Mißstände und Mißbräuche
übergroß wurden, da lähmten sie alles wirtschaftliche Leben, führten zu Epochen reiner
Naturalwirtschaft auch auf dem Markte zurück, wie z. B. noch in der großen fran—
zösischen Revolution für längere Zeit. Wir können sagen, nur in wenigen Staaten
und auf den Höhepunkten ihrer Entwickelung, hauptsächlich wenn große, weitblickendere
Regierungen entstanden waren, wurde man über die Schwierigkeiten Herr, und entstanden
mit den großen Münz- und Geldreformen glückliche wirtschaftliche Aufschwungsperioden,
im Anschluß an das endlich gut geordnete Geld. Wir lernen auf der Schulbank schon,
daß Solon das musterhafte attische Münzwesen schuf; und in allen Abhandlungen und
Lehrbüchern wird Mommsens Wort nachgeschrieben, daß die Decemvirn Rom sein erstes
zutes Kupfergeld gaben, daß die Einführung des Silbercourants mit der Eroberung
Italiens, die des Goldcourants mit der Umwandlung des italienischen Staates in die
räfarische Mittelmeermonarchie zusammenfalle und zusammenhänge. Die frühe Stabilität
des englischen Geldwesens dankt das Land der frühen englischen centralisierten
Monarchie, die Goldwährung den wirtschaftlichen und politischen Siegen von 1660 - 1818.
Deutschland und Italien hatten von 1100—1600 in denjenigen Stadtgebieten und
Territorien ein brauchbares Münz- und Geldwesen, die eine gute bischöfliche, fürstliche
oder aristokratische Leitung hatten; nachher litten fie so unsäglich unter den Münz⸗
wirren, weil die Zeit für ein nationales Münzwesen gekommen, dieses aber durch
die politische Zersplitterung unmöglich war. Große Teile ihrer Volks- und Finanz⸗
wirtschaft wurden dadurch für Jahrhunderte in naturalwirtschaftlicher Form festgehalten.
Preußen erhielt durch den Finanzminister Knyphausen und daunn durch Friedrich d. Gr.
zum ersten mal ein leidliches, ganz Deutschland durch Kaiser Wilhelm und Bismarck
erft ein ganz gutes, einheitliches Geldwesen, wie Frankreich durch Rapoleon J.. die
Schweiz 1850 durch ihre Zusammenfassung zum Bundesstaat.
Aber auch wo man ein relativ oder absolut gutes Geld hatte, waren natürlich
die Folgen für die ganze Volks- und Finanzwirtschaft, für den Verkehr, für das wirt—
schaftliche Haudeln der Menschen je nach den übrigen mitwirkenden Elementen der Rasse,
der wirtschaftlichen Technik, der moralischen Atmosphäre und der übrigen Institutionen
jehr verschieden. Der Geldverkehr in den deutschen Städten des 18 18. Jahrhunderts
schuf die ehrbaren Kaufmannsgilden, die bedächtigen Zünfte, den soliden Maärklverkehr,
wie den hartherzigen vielfach wucherischen Leihverkehr der Juden und Lombarden. Noch
heute nehmen die zahlreichsten Menschen an dem Geldverkehr teil, die von ihm entfernt
aicht so in ihrem innersten wirtschaftlichen Leben und Strebeu berührt werden wie
etwa die Bankiers, die Kaufleute, die Krämer. Ich habe in anderm Zusammenhang
darauf hingewiesen, wie verschieden der rechnende, spekulierende Erwerbstrieb, an den
wir als Hauptfolge der ausgebildeten Geldwirtschait denken, sich auch heute noch gestalte
18172189).
Trotz aller dieser Vorbehalte können wir 1. im großen die Epochen der Geld⸗
wirtschaft einzeichnen in unser allgemeines Bild der volkswirtschaftlichen historischen
Entwickelung und 2. gewisse allgemeinere Wahrheiten über die Folgen der Gelowirtschaft
aussprechen.
In ersterer Beziehung werden wir sagen: die Epoche der Stammes- und Gentil⸗,
der Dorf- und grundherrschaftlichen Wirischaft, der Eigenwirtschaft der Familie ent—
behrte der Geldwirtschaft fast noch ganz. Die Stadtwirtschaft schuf die Anfänge der
Geldwirtschaft auf dem städtischen Markte; daneben behielt das platte Land die Natural—
wirtschaft. Die Kanton- und Territorialwirtschaft gedieh da am besten, wo eine
zentralisierte Gemeinde⸗ oder fürstliche Finanz der Geldwirtschaft sich zuwandte. Durch
frühere Geldsteuern, Geldschatz, Geldbezahlung kamen einzelne kleine Staaten ihren
Rachbarn um Generationen voraus. Aber erst mit der neucten Volkswirtschaft breitete
sich die Geldwirtschaft siegreich immer weiter aus, teils im Zusammenhang mit dem
Handel, der Kreditwirtschaft, dem Erwerbstrieb, der Spekulation, teils im Anschluß an
die erstarkten Geldfinanzen, deren Mittel und Zwecke (wie Steuern, Schulden⸗
vesen, Beamtentum, stehende Heere, Förderung des nativnalen Wohlstandes. der