Full text: Kann das Geld abgeschafft werden?

- 82 — 
5, 56; vgl. auch den oben angeführten Ausspruch von Engels). Wäre diese 
lurchsichtige Einfachheit da, so gäbe es gar kein Geldproblem. 
Bei eingehender Prüfung der Frage ergibt sich, daß auch 
in einer kollektivistischen Wirtschaft keine Form der Arbeits- 
geldrechnung mit den Grundsätzen dieser Wirtschaftsordnung ver- 
einbar ist. 
Schon die mannigfachen Vorschläge, welche — noch über die erwähnten 
hinaus — in dieser Richtung gemacht worden sind, deuten darauf hin. Kro- 
potkin unterscheidet geradezu vier Typen von Arbeitsgeldtheorien: 
1. „Die meisten Kollektivisten, getreu dem Unterschied, der von den bürger- 
;ichen Ökonomisten und von Marx zwischen „qualifizierter“ und „ein- 
facher‘‘ Arbeit gemacht wurde, lehren uns, daß die qual ifıizierte 
oder professionelle Arbeit höher beza hlt werden müßte als die 
einfache Arbeit. So müßte eine Arbeitsstunde des Arztes als gleichwertig 
mit 2 oder 3 Stunden des Krankenwärters oder auch 3 Stunden des Erd- 
arbeiters gelten. Die professionelle oder qualifizierte Arbeit wird ein Viel- 
faches der einfachen Arbeit sein, sagt uns der Kollektivist Groenlund, 
weil diese Arbeit eine mehr oder minder lange Lehrzeit erfordert.‘ 2. „An- 
dere Kollektivisten, z. B. die französischen Marxisten, machen diese Unter- 
scheidung nicht; sie proklamieren die Gleic hheit der Löhne. 
Der Doktor, der Schullehrer, der Professor werden (in Arbeitsbons) nach der 
gleichen Taxe wie der Erdarbeiter bezahlt werden. 8 Stunden Hospitaldienst 
werden denselben Wert wie 8 Stunden Erd-, Fabrik- oder Bergwerksarbeit 
repräsentieren.‘ 3. „Einige machen noch weitere Konzessionen; sie nehmen 
an, daß die ungesunde oder unangenehme Arbeit, z. B. 
die des Klaokeunreinigens, nach einer h6ö heren Taxe als die angenehme 
Arbeit bezahlt werden könnte. Eine Stunde Kloakenreinigungsdienst wird, 
sagen sie, für 2 Arbeitsstunden eines Sprachlehrers rechnen.‘ 4. „Manche 
Kollektivisten nehmen auch die Entschädigung en bloc durch 
die Korporation an. Eine Korporation sagt z. B.: „Hier sind 100 
Tonnen Stahl, die Produktion derselben ist durch 100 Arbeiter geschehen, 
und wir haben darauf 10 Tage verwandt; da unser Arbeitstag 8 Stunden 
gewährt hat, so macht dies 8000 Arbeitsstunden für 100 Tonnen Stahl und 
380 Stunden für eine Tonne.“ Für diese Arbeitsleistung soll ihnen dann der 
Staat 8000 Arbeitsbons A ı Stunde geben, und diese 8000 Bons werden dann 
anter die Mitglieder der Fabrik nach deren Gutdünken verteilt.‘ Wie, fragt 
Kropotkin hier, „wenn die Bergleute nun protestierten und sagten: 
die Tonne darf nur 6 Arbeitsstunden und nicht 8 kosten? Wenn der Lehrer 
sich seine Tagesarbeit doppelt so hoch entschädigen lassen will wie der Kran- 
kenwärter? Dann tritt der Staat in Funktion und regelt die Differenz“ 
"Brot, S. 127/128). 
Man kommt hiernach zu dem Ergebnis entweder einer weitgehenden 
Differenzierung der Einheiten: 45 30jährige-Metallarbeiter-Minuten berech- 
tigen etwa zur Inanspruchnahme von 3 noch-nicht-approbierten-Nervenarzt- 
Minuten, — oder, wie Kropotkin sagt, „Ihr werdet genau den Teil 
abzuwägen suchen, der jedem in der neuen Gesellschaft zufällt. Ihr werdet 
Eure Arbeitsminuten zählen und werdet darüber wachen, daß Euer Nachbar
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.