Die Vorzüge der Erhaltung der Familienwirtschaft. Die Frauenfrage. 253
Institutionen kommen; gefund bleibt der sociale Körper nur, wenn die Kraft und Selb—
ständigkeit der Familie nach innen ebenso wächst, wie die Ausbildung der anderen Organe
in ihrer Art gelingt. —
Das schiefe Ideal der Gleichheit von Mann und Frau vergißt, daß alle höhere
Kultur größere Differenzierung und größere Abhängigkeit der differenzierten Teile von
einander, bessere Verbindung der verschiedenen unter einander bedeutet, vergißt den
Nachweis, wie es zu machen, daß das Kindergebären und das Waffentragen auch ab—
wechselnd von Mann und Frau zu übernehmen sei. Die Forderung, daß man heute
die Frau zum Lehrberufe, zum Heilberufe und sonst noch manchem zulaffe, ist ganz
richtig, aber ihre Erfüllung wird segensreicher wirken, wenn die Sitte, vielleicht auch
das Recht dafür an bestimmten Stellen die Männer ausschließt; denn bloß in die Arena
der atemlosen Männerkonkurrenz noch Tausende von Weibern einführen und sie unter
der Hetzpeitsche des Wettbewerbes um die Erwerbsstellen kämpfen lassen, heißt nur den
Lohn erniedrigen oder die Bevölkerung proletarisch vermehren. Die Kinder- und Frauen⸗
arbeit unserer Tage ist nicht ein Beweis, daß unsere Technik, unser Familienleben,
unsere Produktion diese Kräfte hier am besten verwenden, daß Ähnliches durch alle
Schichten der Gesellschaft hindurch zu geschehen habe, sondern zeigt nur, daß man sich
in der Zeit des Überganges zur Hausindustrie, zur Manufaktur- und Großindustrie,
zumal in den Gegenden dichter Bevölkerung, über die Tragweite der beginnenden
industriellen Frauen- und Kinderarbeit nicht klar war. Sind nicht die Bergdistrikte, in
denen man nie Frauen zur Bergarbeit zuließ, die glücklichsten? Man könnte behaupten,
es wäre ein großes Gluͤck gewesen, wenn die Regel, daß die Frau ins Haus und nicht
in die Produktion für den Weltmarkt gehöre, aus der Zunft in die moderne Zeit her—
über sich hätte erhalten lassen: die Bebölkerung wäre langsamer gewachsen, furchtbares
Elend wäre erspart geblieben. Und heute handelt es sich darum, wenigstens so weit
wie möglich und nach und nach wieder die verheiratete Frau und das Kind aus der
Mehrzahl der großen Industrien zu verdrängen und für die unverheirateten Mädchen,
die eines Erwerbes bedürfen, eine bestimmte Zahl von Gebieten au öffnen, für die sie
besser als die Männer passen.
Alle Frauen bedürfen einer besseren Erziehung als heute; möglichst viele mögen
so weit gebracht werden, daß sie eine Reihe von Jahren oder dauernd auf sich selbst
stehen können; alle aber müssen in erster Linie so erzogen werden, daß sie gute Mütter
und Hausfrauen werden; denn jede Frau, die das nicht wird, hat ihren eigentlichen
Beruf, den, in dem sie das Höchste, das Vollendetste, das Segensreichste leistet, verfehlt
und jede Frau, die eine schlechte Mutter und Hausfrau wird, schädigt sittlich und wirt—
schaftlich die Ration viel mehr als sie ihr nüht, wenn sie die trefflichste Aratin, Buch—
iührerin, Geschäftsfrau oder sonst was wird. J
Nicht in der Vernichtung, sondern in dem richtigen Wiederaufbau der Familien⸗
wohnung und der Familienwirtschaft liegt die Zukunft der Völker und die. wahre
Emancipation des Weibes. Man beobachte, was heute eine tüchtige Hausfrau des
Mittelstandes durch vollendete hauswirtschaftliche und hygienische Thätigkeit, durch
Kindererziehung, durch Kenntnis und Benutzung der hauswirtschaftlichen Maschinen
leisten kann; man übersehe nicht, wie einseitig die großen naturwisfenschaftlichen und
technischen Fortschritte sich bisher in den Dienst der Großindustrie gestellt haben, welche
segenspendende Vervollkommnung noch möglich ist, wenn sie nun auch in den Dienst
des Hauses treten. Nur die rohe, barbarische Hauswirtin der unteren Klassen kann
sagen, sie habe heute nichts mehr im Hause zu thun; vollends bei gesunder Wohnweise,
wenn zu jeder Wohnung ein Gärtchen gehört, ist die Hausfrau, ja sie mit ihren halb—
erwachsenen Kindern, auch heute voll beschäftigt und wird es künftig noch mehr sein,
trotz aller sie unterstützenden Schulen, Kaufläden und Gewerbe, trotzdem daß sie in
steigendem Maße fertige Produkte, ja fertiges Essen einkauft. Und neben ihrer Haus—
wirtschaft soll sie Zeit für Lektüre, Bildung, Musik, gemeinnützige und Vereinsthätigkeit
haben, gerade auch bis in die untersten Klassen hinein. Ohne das giebt es keine sociale
Rettung und Heilung! —