Object: Deutsche Geschichte (Bd. 5, Hälfte 2)

Kirchliches und politisches Reifen des Protestantismus. 397 
sondern näherten sich auch so viel wie möglich den Lehren der 
alten Kirche. 
Melanchthon freilich glaubte, damit einen besonders glück— 
lichen Schritt gethan zu haben. Und mehr noch. Auch nach 
einer andern Seite hatten seine Auftraggeber und er geglaubt, 
den Katholischen entgegenkommen zu müssen. Mit besonderer 
Freude hatte man auf altkirchlicher Seite den steigenden Zwist 
zwischen Luther und Zwingli verfolgt; seit dem Speierer 
Reichsabschied des Jahres 1529 schon hatte man ihn zum 
vollen äußeren Bruch zu gestalten gesucht, indem man diesem 
Abschied nur für die Lutherischen Gültigkeit zuschrieb. Jetzt 
kamen die Lutherischen diesen Bestrebungen entgegen, indem sfie 
ihrem Bekenntnis eine Formulierung gaben, die deutlich den 
Gegensatz zu Zwingli zeigte, und indem sie die Zwingli zu— 
neigenden oberdeutschen Städte der Protestation von 1529 in 
die Lage versetzten, mit ihrem Bekenntnis einseitig vorgehen zu 
müssen. In aller Hast hatten diese, nachdem sie zur Konfession 
Melanchthons kein Verhältnis gewonnen hatten, zur Aus— 
arbeitung einer besonderen Schrift zu schreiten, die am 11. Juli 
als die Confessio Teétrapolitana der Städte Straßburg, Kon⸗ 
stanz, Lindau und Memmingen eingereicht ward. 
Und inzwischen war Melanchthon weitergegangen. Der 
Glanz des kaiserlichen Hofes blendete ihn, der Verkehr mit 
Juan de Quintana, dem Beichtvater Karls, und Campeggi, 
dem päpstlichen Legaten, lähmte seine an sich nicht bedeutende 
Entschlußkraft; eine servile Ader, die sich auch im Verkehr mit 
Luther gelegentlich nicht verkennen läßt, trat erschreckend hervor. 
Es kam dahin, daß Melanchthon nach Rom Vermittlungs⸗ 
oorschläge im Sinne des späteren Interims einreichte; ihre 
Verwirklichung würde vom Kern des neuen Glaubens wenig 
übrig gelassen haben. Und er mußte erleben, daß man dieses 
Opfer von seiten der katholischen Stände, die sich durch die 
Gegenwart des Kaisers sehr gestärkt fühlten, als selbstverständlich 
aufnahm, daß die Kurie es gar als noch keineswegs ausreichend 
abwies: ihr schien die Zeit, da der Protestantismus vernichtet 
werden könne, nicht mehr ferne.
	        
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