Object : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

106  Zweiter  Teil.  Handel.  III.  Zur  Geschichte  von  Handel  und  Industrie  rc.

verleiht.  Damit  soll  nun  keineswegs  gesagt  sein,  daß  es  im  Kreise  Siegen  nicht  auch
andere  beachtenswerte  Gewerbezweige  oder  gewerbliche  Einzelunternehmungen  gäbe,
—  ganz  im  Gegenteil!  Aber  die  Eisensteingruben  und  die  Hochofenwerke  marschieren
nach  der  Zahl  ihrer  Arbeiter,  der  Höhe  ihres  Anlage-  und  Betriebskapitals,  der
Menge  und  dem  Werte  ihrer  Produktion  noch  immer  an  der  Spitze  der  Siegerländer
Industrie  und  werden  nach  menschlicher  Voraussicht  auch  in  Zukunft  ihre  führende
Stellung  behaupten.  Wir  werden  uns  deshalb  im  wesentlichen  nur  mit  ihnen  zu  befassen ­
  haben.
Die  Geschichte  des  Siegerländer  Bergbaues  läht  sich
nicht  sonderlich  weit  verfolgen,  wenigstens  nicht  an  der  Hand  glaubwürdiger  Quellen,
—  stammen  doch  die  ältesten  zuverlässigen  Nachrichten  über  ihn  erst  aus  dem  13.  und
14.  Jahrhundert:  es  wird  nämlich  1298  die  Silber-  und  Bleierzgrube  am  Ratzenscheid
bei  Wilnsdorf,  die  Landeskrone,  und  1313  der  Stahlberg  bei  Müsen  urkundlich
erwähnt.  Aber  trotzdem  dürfte  aus  inneren  Gründen  die  Annahme  nicht  unberechtigt
sein,  daß  der  Bergwerks-  und  auch  der  Hüttenbetrieb  schon  von  alters  her  im  Siegerlande ­
  heimisch  gewesen  ist;  denn  es  waren  hierfür  alle  Vorbedingungen  gegeben:  die
Berge  lieferten  die  an  vielen  Orten  „am  Tage  stehenden"  Eisenerze,  die  Wälder  den
Brennstoff,  die  Holzkohle,  und  die  Rennarbeiten  konnten  überall  ausgeführt  werden.
In  wie  bescheidenen  Grenzen  sich  übrigens  die  Produktion  noch  bis  in  die  neuere
Zeit  hinein  hielt,  geht  daraus  hervor,  daß  im  Kreise  Siegen  an  Eisenstein  gefördert
wurden:

im  Jahre

t

im  Werte  von  Talern

1850

38  880

124  974

1852

40  436

125  608

1854

72  334

242  946

1856

80  663

292  885

1858

76  561

315  300

1860

51  549

166  864

Erst  seit  der  Eröffnung  der  Deutz-Gießener  Bahn  —  mit  Abzweigung
von  Betzdorf  nach  Siegen  —  und  der  Ruhr-Sieg-Bahn  (1861)  begann  sich  im
Siegerlande,  dessen  Bewohner  bis  dahin  sozusagen  „intra  montes“  gelebt  und  ein
mehr  beschauliches,  selbstgenügsames  Dasein  geführt  hatten,  eine  wirtschaftliche  Aufwärtsbewegung ­
  zu  vollziehen,  die  in  seiner  Geschichte  ihresgleichen  sucht  und  —  abgesehen
  von  unvermeidlichen,  mehr  oder  weniger  schweren  Rückschlägen,  Erschütterungen ­
  und  Krisen  —  bis  auf  den  heutigen  Tag  angehalten  hat.
Wenn  wir  uns  nunmehr  dem  Hüttenwesen  zuwenden,  so  möchten  wir
zunächst  darauf  hinweisen,  daß  das  Siegerland  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  die
Heimat  des  Hochofens  ist.  Ursprünglich  nämlich  verstand  man  es  nur,  aus  —  leicht
reduzierbaren  —  Erzen  unmittelbar  schmiedbares  Eisen  (Stahl  und  Schmiedeeisen)
darzustellen,  und  zwar  in  Herden  oder  in  niedrigen  Schacht-  (Bauern-,  Stück-)öfen;
zum  Anfachen  der  Holzkohlen  bediente  man  sich  des  natürlichen  Luftzuges  oder  des
Blasebalgs,  den  gewöhnlich  Menschenkraft,  Hand  oder  Fuß,  in  Bewegung  setzte
(Rennarbeit).  Erst  später,  in  ersten  Drittel  des  14.  Jahrhunderts  lernte  man  Wasserräder ­
  zum  Betriebe  der  Gebläse  verwenden;  dabei  machte  man  die  Wahrnehmung,
daß  die  Temperatur  in  den  Stücköfen  infolge  der  stärkeren  Windzufuhr  bis  zur
Schmelzhitze  gesteigert  und  dünnflüssiges  Eisen  erzeugt  wurde;  dieses  ergab  nach
einer  abermaligen  Verhüttung  ein  ungleich  wertvolleres  Produkt  als  die  zähe,
teigige  „Luppe",  die  man  sonst  gewann.  Man  ging  daher  allmählich  —  für  das
Siegerland  schon  1443  und  1444  (oder  gar  schon  1311  und  1417?)  urkundlich  nachweisbar ­
  —  zu  dem  vorteilhafteren  mittelbaren  Schmelzverfahren,  zur  Errichtung
von  besonderen  Blas-  und  Hammerhütten  über:  die  ersteren  erbliesen  in  hohen
            
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