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VIII. Kapitel.
§8-
Wenn es sich hier nicht darum handelte, dem geradezu fanatischen
Eifer entgegenzutreten, mit dem einige Nationalökonomen immer wieder
bestreiten, daß in letzter Konsequenz das Preisniveau Wirkung und nicht
Ursache ist, so brauchten wir uns keine so große Mühe zu geben, diese über
allen Zweifel hinaus zu beweisen. Wir sind es unserer Wissenschaft schuldig,
ihre Wahrheiten darzulegen. Damit übernehmen wir die weitere Ver
pflichtung zu untersuchen und klarzulegen, soweit dies eben möglich ist,
warum eine so offenbare Wahrheit nicht allgemein anerkannt wor
den ist.
Ein Grund ist bereits angeführt worden, nämlich die Befürchtung, daß
die Gegner aller klardenkenden Nationalökonomen — die Anhänger fauler
Währungssysteme — dadurch unterstützt und ermutigt werden könnten.
Wir wollen nun unsere Aufmerksamkeit einem anderen Motive der Gegner
schaft zuwenden, und zwar der irrigen Idee, daß das Preisniveau durch
andere Faktoren in der Verkehrsgleichung nicht bestimmt werden kann,
weil es bereits durch andere Ursachen, gewöhnlich „Angebot und Nach
frage“ genannt, bestimmt worden sei. Diese allgemeine Redensart hat für
eine Unmasse von Versündigungen nachlässiger Analyse der Volkswirtschaft
als Deckmantel gedient. Wer ein so unbedingtes Vertrauen in die Zuläng-
lichkeit von Angebot und Nachfrage für die Festlegung der Preise setzt,
und zwar ohne Rücksicht auf die Quantität des Geldes und der Depositen,
auf die Umlaufsgeschwindigkeit und auf den Handel, dürfte in seinem Ver
trauen gewaltig erschüttert werden, wenn er der Beweisführung in bezug
auf die Preisbildung einzelner Artikel folgt. Er wird finden, daß zur Be
stimmung der „unbekannten Größen“ immer gerade eine Gleichung fehlt 1 ).
Die Verkehrsgleichung ist in jedem Falle erforderlich, um die Gleichungen
von Angebot und Nachfrage zu ergänzen.
Es würde uns zu weit von unserem Wege abführen, wollten wir hier
eine vollständige Darlegung der preisbestimmenden Prinzipien einschalten.
Jedoch kann die Vereinbarkeit der Verkehrsgleichung mit den Gleichungen,
die sich auf die individuelle Preisbildung beziehen, dem Leser für den vor
liegenden Zweck genügend zum Verständnis gebracht werden, wenn auf
die Unterscheidung zwischen 1. den individuellen Preisen in ihrem gegen
seitigen Verhältnis und 2. dem Preisniveau Nachdruck gelegt wird. Die
1 ) Vgl. Irving Fisher, „Mathematical Investigations in the Theory and Value of Prieet“,
Transaciions of the Connecticut Academy of Arts and Sciences, Band IX, 1892, S. 62.