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ALLGEMEINE VERHÄLTNISSE. — Sterblichkeit.
So leicht, wie es hienach scheint, lässt sich indess das w a lire
Verhältniss keineswegs ermitteln. Bei allen derartigen Berechnungen
ist das ununterbrochene Ab- und Zuströmen der fremden Bevölkerung
ausser Ansatz gelassen. Durch klinische Anstalten und auf andere Weise
werden Schwangere von auswärts nach den Hauptorten gezogen. Hin
wieder verbringt man häufig die Neugebornen (also in der Zeit der
grössten Sterblichkeit) nach dem Lande. Die höheren Schulen sowol,
als die Gelegenheit des leichteren Verdienstes, ziehen dann wieder nach
der Stadt. Die gleiche Strömung wird durch Spitäler bewirkt, sowie
auch wohlhabende Provinzialbewohner sich gerne nach Beendigung eines
thätigen Lebens hier niederlassen. *) Wie sich ein Unterschied zwischen
den von Reichen und den von Armen bewohnten Quartieren einer
und derselben Stadt herausstellt, werden wir unten erwähnen. Hier sei
nur kurz berührt, wie viel durch Herstellung guter Lüftung und Reini
gung geschehen kann. **)
Unterschied nach Geschlechtern. Die Naturgesetze über Geburt so
wol, als über Sterblichkeit, zeigen sich keineswegs gleich für beide Ge
schlechter. Sie ergeben Verschiedenheit vom ersten Augenblicke bis zum
Ende des Lebens. (Vergleiche die Tabellen S. 482 folg.) Die vorhan
denen Ziffern schwanken zwar im Einzelnen, stimmen aber alle in fol
genden drei Punkten überein : 1) Es werden mehr Knaben als Mäd
chen geboren; 2) dennoch ist die weibliche Bevölkerung im Ganzen
die zahlreichere ; 3) diese scheinbare Anomalie erklärt sich durch die
notorisch grössere Sterblichkeit beim männlichen Geschlechte, besonders
im ersten Lebensalter.
1) Es werden mehr Knaben als Mädchen geboren. Nach den vorlie
genden Geburtslisten kamen je auf lOÜO Knaben;
in England (1859) . 95G Mädchen
- Frankreich (1858) 952
- Oesterreich (1858) 940
in Preussen (1809] . . . 945 Mädchen
- Sardinien 1828—37) . 951
im Kant. Zürich 1850—52) 953
Wappäus, der die Ergebnisse in 15 Ländern je während einer
Anzahl Jahre zusammenstellte, fand, dass im Durchschn. auf 100 Mäd
chen 106,31 Knabengeburten kamen. Die Schwankungen waren in den
einzelnen Ländern sehr gering: Maximum 107,18 in Hannover, Mini
mum 105,22 in Sardinien. Nahm man blos die Lebendgeborenen in
Rechnung, so stellte sich das Mittel auf 105,83. Bei den Todtgeborenen
dagegen ergab sich, dass auf 100 todte Mädchen 140,33 Knaben
trafen ! ***)
*) Bei der Zählung von 1851 fand man zu London unter 1’394,903 Men
schen über 20 Jahren, 749,853 ausserhalb der Hauptstadt Geborene. Nach einer
Notiz sollen unter den 1’151,978 Einw. von Paris (vor der Stadterweiterung
nicht mehr als 09,424 eingeborne Pariser gewesen sein, also blos 1 auf 10,59 !
**) Visedunt Ebrington hob auf dem statistischen Congresse zu Paris hervor,
dass Lamheth-Square in London, früher ein Hauptherd der Cholera, des Typhus
und der Fieber, ungeachtet seiner tiefen Lage, jetzt eine geringere Sterblichkeit
hat, als die hoch gelegene Hampstead-road, wo man, gerade der gesunden Lage
wegen, die hygieinischen Verbe^sserungen meinte unterlassen zu dürfen.
***) Yqjj allen bisherigen Erklärungsversuchen hat sich auch nicht einer
stichhaltig bewiesen. Am meisten plausibel schien das s. g. Sadler-Ilofacker’-
sche Gesetz zu sein, wonach das relative Alter des Vaters oder der Mutter in der
Art bestimmend sein sollte, dass inEhen, in denen der Gatte mehr Jahre zähle.