Object: Neueste Zeit (Abt. 3)

366 Zweiundzwanzigstes Buch. 
Hintergrund angelegt und wie dies Erdmilieu gleichsam mit 
dem politischen, wie das Land mit den Leuten verbunden! 
Kaum eine Person, die nicht den Stempel des Bergbewohners 
zeigte, kaum eine Szene, in der nicht alles, und keineswegs 
bloß die Kulisse, von der Schweiz erzählte, und in der Rütli— 
szene das Außerordentliche der Landschaft, der Mondregen— 
bogen, neben dem Außerordentlichen der Handlung. Vor 
und auf diesem Grunde aber bauen sich drei kunstvoll in— 
einander verschlungene Handlungen auf, die Tellhandlung, die 
Rütlihandlung, die Rudenzhandlung, wie man sie wohl ge— 
nannt hat: und zum Zeichen, daß die Tellhandlung überwiegen 
soll, fallen ihr von den vier großen Szenen des Dramas, der 
Attinghausenszene, dem Apfelschuß, dem Rütlischwur, der Er— 
mordung Geßlers, zwei zu, die wiederum in verschlungenem 
Wechsel zwischen die beiden anderen verteilt sind. Erscheint 
es nicht fast wie das Gerüst nur einer Erzählung? Man ver— 
steht, daß Goethe den Stoff des Stückes, den er aus der 
Schweiz mit nach Thüringen gebracht hatte, episch verarbeiten 
wollte; und in epischer Breite mag er auch Schiller, der nie in 
der Schweiz war, in den dämmernden Abendstunden gemeinsamen 
Verkehrs um 1800 von Land und Leuten der Berge erzählt 
haben. Aber Schiller hat diese Breite des Stoffes dramatisch 
zu beleben gewußt; und zum erstenmal geschah es damit, daß 
auf deutscher Bühne deutsches Volk sich als Helden erblickte. 
Mit Schillers „Tell“ schließt eine Periode der Geschichte 
des deutschen Dramas und wird noch mehr eine neue eröffnet. 
Sehen wir von dem psychologischen Drama Goethes ab, das, 
in seiner Zeit weniger verstanden, Perspektiven bis in das 
impressionistische Drama der zweiten Hälfte des 19. Jahr— 
hunderts hin eröffnet, so hatte mit Schiller das klassizistische 
Drama auch innerlich sein Ende erreicht. Mochte es in der 
Entwicklung der Schicksalsidee, von der Antike mit verlockt, 
einen Weg eingeschlagen haben, der in eine Sackgasse führte, 
dennoch hatte es der Zeit genug getan; die Bühnen ertönten 
oon Schillers Versen, und Goethe konnte die Erfahrung seines 
reiferen Alters wie zu einem Epilog in die Worte zusammen⸗
	        
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