Full text: Über die Bedingungen der industriellen Entwicklung Russlands

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gängig, Frankreich, Deutschland und Nordamerika als »junge« 
Länder zu betrachten, die ihr Protektionssystem zwecks Heran 
ziehung ausländischer Kapitalien behalten. Die oben angeführten 
Betrachtungen der Herren Witte und Fedorow widersprechen so 
wohl der Theorie wie der Geschichte der protektionistischen Politik. 
Sowohl die Aufgaben als auch die Resultate des Zollschutzes 
befinden sich in direktem Zusammenhänge mit dem Zustande der 
Volkswirtschaft des Landes *). Ist das Land reich an Kapital und 
ist der Protektionismus hauptsächlich bestrebt, das Verhältnis 
zwischen den heimischen Produktionszweigen zu ändern und den 
Abfluß des heimischen Kapitals nach dem Auslande zu verhindern, 
dann wird die Zollpolitik einen anderen Charakter haben, als wenn 
das Land kapitalarm ist und die Hauptaufgabe des Protektionismus 
in der Heranziehung ausländischer Kapitalien besteht. In reichen, 
sich rasch entwickelnden Ländern dehnt sich der Zollschutz, der 
eine Verschiebung im Verhältnis der Produktionszweige im Auge 
hat, nur auf einzelne Produktionszweige aus, für deren Entwick 
lung die notwendigen natürlichen und wirtschaftlichen Bedingungen 
vorhanden sind. In den armen Ländern, die bestrebt sind, die 
notwendigen Kapitalien heranzuziehen, trägt der Schutz einen 
generellen Charakter. Bei der Ausarbeitung des Tarifentwurfs im 
Jahre 1891 ging unser Finanzministerium deshalb gewöhnlich von 
dem Gedanken aus, daß man jedem Produktionszweig einen Schutz 
im Umfange von 30—40 °/o des Preises ausländischer Waren ge 
währen muß 2 ). Je rascher der Kapitalzuwachs in einem Lande ist, 
das nur den einzelnen Industriezweigen den Schutz gewährt, desto 
intensiver ist der Kapitalzufluß in diese Zweige und desto rascher 
kommt der Zeitpunkt, wo man die hohen Zollsätze aufheben kann. 
Bei einem blühenden Zustand der Volkswirtschaft kann die Ein 
führung eines partiellen Zollschutzes einen überraschenden Effekt 
herbeiführen. Diese Art Zollschutz trägt deshalb immer einen 
vorübergehenden Charakter. Die Jagd nach ausländischem Kapital 
hat dagegen seinem Wesen nach eine dauernde Bedeutung. Ein 
>) Professor Bastable behauptet, das Studium der Handelspolitik vom 
Standpunkt der geschichtlichen Entwicklung zeigt mit voller Evidenz, daß 
die Normen, die den Handel und die Industrie in den verschiedenen Staaten 
regulieren, eher von den sozialen Verhältnissen sowie von den Interessen der 
herrschenden Klassen, als von den bestimmten theoretischen Doktrinen ab 
hängig sind. Vgl. C. F. Bastable, The Commerce of Nations, 5 th ed., 1911, 
S. 117, 119—120. 
2 ) Soboleff, I. c. S. 825.
	        
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