Full text: Die deutsche Zigarettenindustrie

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Liefern und Abholen derArbeit verursachen denHeimarbeiterinnen 
übrigens zumeist nicht unbeträchtliche Zeitverluste. Diese sind be 
sonders groß für die Arbeiterinnen derjenigenBetriebe, diealleihreHeim- 
arbeiterinnen auf eine bestimmte Stunde bestellen, dann aber die Arbeit 
erst allen unter Berücksichtigung der weiter oben genannten Kontroll- 
maßregeln abnehmen, ehe sie den einzelnen neue Arbeit aushändigen. 
In gesundheitlicher Beziehung gibt die Heimarbeit zu 
schweren Bedenken Anlaß und zwar vor allem deshalb, weil sie 
zumeist in Räumen ausgeübt wird, die zugleich als Wohn-, zum 
Teil sogar auch als Schlafräume dienen. Daß nun der dauernde 
Aufenthalt in einem solchen Raume, aus dem Tag und Nacht der 
Tabakdunst nicht herauskommt, äußerst gesundheitsschädlich sein 
muß, dürfte wohl jeder ohne weiteres zugeben. Auch für den Kon 
sumenten ist die Heimarbeit aus hygienischen Gründen eine wenig 
erfreuliche Erscheinung, da sie ihm — infolge Fehlens jeglicher 
Kontrolle.— nicht in gleichem Maße wie die Fabrikarbeit Gewähr 
für Sauberkeit bei der Herstellung der Fabrikate bietet. 
In Erwägung aller dieser Umstände ist deshalb schon öfters von 
verschiedenen Seiten ein gänzliches Verbot der Heimarbeit 
gefordert worden. Das gleiche wurde im Reichstag bei Gelegenheit der 
Beratung desZigaretten-Steuergesetzes auch von den Sozialdemokraten 
verlangt. Der Regierungsvertreter hielt damals aber diesem Antrag 
entgegen, es sei hier (bei Beratung des Zigaretten-Steuergesetzes) 
nicht der Platz, auf solche Fragen einzugehen, da ein finanz- und kein 
sozialpolitisches Gesetz zur Beratung stände. Von der Mehrheit wurde 
darauf der Antrag abgelehnt, zu dem in diesem Falle übrigens nicht 
nur hygienische Bedenken, sondern auch die alte Abneigung der 
Sozialdemokratie gegenüber jeglicher Heimarbeit 1 ) geführt hatte. 
1) Der Grund dieser Abneigung ist in dem Umstande zu suchen, daß die 
Heimarbeit einer Organisation wegen ihrer Dezentralisation nur schwer oder gar 
nicht zugänglich gemacht werden kann. Vergl. auch das im Jahresbericht des 
Deutschen Tabakarbeiter-Verbandes (1907, Seite 7) Gesagte: „Aus eigner Kraft, 
d. h. durch die Tätigkeit der Organisation, auf die Dauer auf die tägliche Arbeits 
zeit im Sinne des Fortschritts einzuwirken, oder in hygienischer Hinsicht Ver 
besserungen im Arbeitsverhältnis herbeiführen zu können, wird angesichts der 
bestehenden Heim- und Hausarbeit nur schwer zu erreichen sein, wenigstens wird 
diese Tätigkeit im allgemeinen Sinne keine dauernden und großen Erfolge zeitigen 
können, da sie, die Heimarbeit, ein beliebter Ausweg für die Fabrikanten bildet, 
Errungenschaften auf diesem Gebiete illusorisch zu machen. Aus diesen wohl 
erwogenen und auch wohlberechtigten Gründen, so wie auch aus Gründen, die auf 
dem Gebiete reiner Volkshygiene zu suchen sind, fordern die Tabakarbeiter schon 
seit mehreren Jahrzehnten einen durchgreifenden gesetzlichen Arbeiterschutz, be 
sonders ein gänzliches gesetzliches Verbot der Heimarbeit.“ 
Zeitschrift für die ges. Staatswissenschaft. Ergänzungsheft 33. 
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