Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  II.  Adam  Smith.

83

wert  versteht  er  ungefähr 1 )  das,  was  wir  heute  unter  „Nützlichkeit“
(utilit6)  verstehen  oder  das,  was  andere  Verfasser  als  „subjektiven  Wert“,
Wunsehwert  (desirabilite),  Ophelimität  bezeichnen.
Wie  man  weiß,  stützen  sich  heute  die  Nationalökonomen,  um  den
Preis,  den  Tauschwert  der  Gegenstände  zu  erklären,  gerade  auf  den  Begriff
des  Gebrauchswertes.  Die  Erklärung  des  Tauschfußes  der  Waren  gründet
sich  auf  eine  vorhergehende  Analyse  ihrer  Nützlichkeit  für  die  Tauschenden. ­
  Smith  geht  auf  andere  Weise  vor.  Er  gebraucht  „Gebrauchswert“
nur,  um  ihn  in  radikalen  Gegensatz  zu  „Tauschwert“  zu  setzen,  und  um
sich  nachher  nicht  mehr  damit  abzugeben.  In  seinen  Augen  haben  die
beiden  Begriffe  keinen  Zusammenhang.  Nur  der  Tauschwert  hat  Interesse;
noch  weniger  gibt  er  zu,  daß  der  eine  sich  aus  dem  anderen  ergibt 2 ).
Von  Anfang  an  hat  sich  daher  Smith  den  einzigen  Weg  verschlossen,
der  ihn  zu  einer  zufriedenstellenden  Lösung  des  Preisproblems  hätte  führen
können.  Es  ist  daher  vorauszusehen,  daß  er  in  einer  Sackgasse  endigen
wird.  In  Wirklichkeit  hat  er  sich  nacheinander  in  zwei  Sackgassen 3 )
verirrt.  Er  hat  zwei  verschiedene  und  gleich  irrtümliche  Lösungen  eine
uach  der  anderen  aufgenommen,  ohne  sich  jemals  klar  und  deutlich  für
eine  von  ihnen  zu  entscheiden.  Nach  ihm  beschreiten  Sozialisten  und

bald  die  Brauchbarkeit  einer  Sache,  bald  die  durch  den  Besitz  dieser  Sache  gegebene
Möglichkeit  aus,  andere  Güter  dafür  zu  kaufen.  Das  eine  kann  Gebrauchswert
Galue  in  use),  das  andere  Tauschwert  (value  in  exchange)  genannt  werden.  Dinge,
die  den  größten  Gebrauchswert  haben,  haben  oft  wenig  oder  keinen  Tauschwert,  und
umgekehrt  haben  andere  oft  den  größten  Tauschwert,  aber  wenig  oder  keinen  Gebrauchswert. ­
  Nichts  ist  brauchbarer  als  Wasser,  aber  es  läßt  sich  dafür  kaum  etwas  kaufen:
kaum  etwas  dafür  in  Tausch  erhalten.  Ein  Diamant  dagegen  hat  beinahe  gar  keinen
Gebrauchswert,  und  doch  ist  oft  eine  Menge  anderer  Güter  dafür  im  Tausch  zu  haben.“
1 )  Wir  sagen  „ungefähr“,  denn  in  der  Stelle,  wo  er  den  Gebrauchswert  definiert,
scheint  Smith  seine  Definition  dem  landläufigen  Sinn  anzupassen  (in  dem  „nützlich“
a ls  Gegensatz  zu  „angenehm“  erscheint).  Ricardo  hat  diese  Ungenauigkeit,  die  Mill
mit  Recht  hervorgehoben  hatte,  richtig  gestellt.  Sie  erklärt  sich  vielleicht  aus  der
folgenden  Stelle  der  „Vorlesungen  über  die  Gerechtigkeit“  (Leetures  on  Jnstice)
176:  „Für  eine  wenig  nützliche  Sache  gibt  es  nur  wenig  Nachfrage,  weil  sie  kein
rationeller  Gegenstand  des  Begehrens  ist.“  Smith  scheint  nicht  für  möglich  gehalten
zu  haben  —  was  selbstverständlich  ein  schwerer  Fehler  ist,  —  daß  eine  vernunftgemäß
unnütze  Sache  doch  gewünscht  oder  begehrt  werden  könne.
2 )  Diese  radikale  Trennung  der  beiden  Begriffe  liegt  vielleicht  mehr  an  der
Ausdrucksweise  Adam  Smith’s  als  in  seinen  Gedanken,  denn  in  seinen  Vorlesungen
bber  Gerechtigkeit,  S.  176  wird  der  Gebrauchswert  (zusammen  mit  dem  Reichtum  der
Nachfrager)  als  eins  der  Elemente  hingestellt,  die  die  Nachfrage  bestimmen  und
so  den  Marktpreis  festlegen.  —  In  Wirklichkeit  ist  alles,  was  in  dem  ,,Völker-Reichtum“
  über  die  Werttheorie  gesagt  wird,  so  unbestimmt,  daß  man  darin  nicht
mehr  Genauigkeit  suchen  darf,  als  Smith  hineingelegt  hat.
3 )  Vielleicht  sollte  man  von  drei  sprechen,  denn  in  den  „Vorlesungen  über
Gerechtigkeit' 1  findet  man  auf  Seite  176  noch  eine  andere  Definition  des  natürlichen ­
  Preises,  als  in  dem  „Völkerreichtum“.

6*
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.