Kapitel II. Adam Smith.
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wert versteht er ungefähr 1 ) das, was wir heute unter „Nützlichkeit“
(utilit6) verstehen oder das, was andere Verfasser als „subjektiven Wert“,
Wunsehwert (desirabilite), Ophelimität bezeichnen.
Wie man weiß, stützen sich heute die Nationalökonomen, um den
Preis, den Tauschwert der Gegenstände zu erklären, gerade auf den Begriff
des Gebrauchswertes. Die Erklärung des Tauschfußes der Waren gründet
sich auf eine vorhergehende Analyse ihrer Nützlichkeit für die Tauschen
den. Smith geht auf andere Weise vor. Er gebraucht „Gebrauchswert“
nur, um ihn in radikalen Gegensatz zu „Tauschwert“ zu setzen, und um
sich nachher nicht mehr damit abzugeben. In seinen Augen haben die
beiden Begriffe keinen Zusammenhang. Nur der Tauschwert hat Interesse;
noch weniger gibt er zu, daß der eine sich aus dem anderen ergibt 2 ).
Von Anfang an hat sich daher Smith den einzigen Weg verschlossen,
der ihn zu einer zufriedenstellenden Lösung des Preisproblems hätte führen
können. Es ist daher vorauszusehen, daß er in einer Sackgasse endigen
wird. In Wirklichkeit hat er sich nacheinander in zwei Sackgassen 3 )
verirrt. Er hat zwei verschiedene und gleich irrtümliche Lösungen eine
uach der anderen aufgenommen, ohne sich jemals klar und deutlich für
eine von ihnen zu entscheiden. Nach ihm beschreiten Sozialisten und
bald die Brauchbarkeit einer Sache, bald die durch den Besitz dieser Sache gegebene
Möglichkeit aus, andere Güter dafür zu kaufen. Das eine kann Gebrauchswert
Galue in use), das andere Tauschwert (value in exchange) genannt werden. Dinge,
die den größten Gebrauchswert haben, haben oft wenig oder keinen Tauschwert, und
umgekehrt haben andere oft den größten Tauschwert, aber wenig oder keinen Gebrauchs
wert. Nichts ist brauchbarer als Wasser, aber es läßt sich dafür kaum etwas kaufen:
kaum etwas dafür in Tausch erhalten. Ein Diamant dagegen hat beinahe gar keinen
Gebrauchswert, und doch ist oft eine Menge anderer Güter dafür im Tausch zu haben.“
1 ) Wir sagen „ungefähr“, denn in der Stelle, wo er den Gebrauchswert definiert,
scheint Smith seine Definition dem landläufigen Sinn anzupassen (in dem „nützlich“
a ls Gegensatz zu „angenehm“ erscheint). Ricardo hat diese Ungenauigkeit, die Mill
mit Recht hervorgehoben hatte, richtig gestellt. Sie erklärt sich vielleicht aus der
folgenden Stelle der „Vorlesungen über die Gerechtigkeit“ (Leetures on Jnstice)
176: „Für eine wenig nützliche Sache gibt es nur wenig Nachfrage, weil sie kein
rationeller Gegenstand des Begehrens ist.“ Smith scheint nicht für möglich gehalten
zu haben — was selbstverständlich ein schwerer Fehler ist, — daß eine vernunftgemäß
unnütze Sache doch gewünscht oder begehrt werden könne.
2 ) Diese radikale Trennung der beiden Begriffe liegt vielleicht mehr an der
Ausdrucksweise Adam Smith’s als in seinen Gedanken, denn in seinen Vorlesungen
bber Gerechtigkeit, S. 176 wird der Gebrauchswert (zusammen mit dem Reichtum der
Nachfrager) als eins der Elemente hingestellt, die die Nachfrage bestimmen und
so den Marktpreis festlegen. — In Wirklichkeit ist alles, was in dem ,,Völker-
Reichtum“ über die Werttheorie gesagt wird, so unbestimmt, daß man darin nicht
mehr Genauigkeit suchen darf, als Smith hineingelegt hat.
3 ) Vielleicht sollte man von drei sprechen, denn in den „Vorlesungen über
Gerechtigkeit' 1 findet man auf Seite 176 noch eine andere Definition des natür
lichen Preises, als in dem „Völkerreichtum“.
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