Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

VIII

Vorwort  zur  ersten  Ausgabe.

J.-B.  Say  glauben,  daß  die  Geschichte  der  Irrtümer  nutzlos  ist 1 ).  Eher
neigen  wir  dazu,  uns  der  tiefsinnigen  Bemerkung  Condillac’s  anzuschließen: ­
  „Es  ist  für  jeden,  der  selbst  Fortschritte  im  Suchen  nach  Wahrheit ­
  machen  will,  von  wesentlicher  Bedeutung,  die  Irrtümer  derjenigen
zu  kennen,  die  geglaubt  haben,  ihm  den  Weg  zu  bahnen.“  Wir  wissen,
daß  das  Studium  der  Irrtümer  fruchtbar  ist,  auch  wenn  man  daraus  nichts
als  die  heilsame  Warnung  entnehmen  kann,  sie  in  Zukunft  zu  vermeiden,
und  zwar  um  so  mehr,  wenn  es  zutrifft,  —  wie  Herbert  Spencer  in
Umwandlung  eines  Satzes  Shakespeare’s  sagt,  —  daß  es  keinen  Irrtum
gibt,  der  nicht  ein  kleines  Körnchen  Wahrheit  enthielte.  Auch  kann  man
eine  Lehre  nur  dann  kennen,  beherrschen  und  lieben,  wenn  man  über  ihre
Geschichte  Bescheid  weiß,  und  wenn  man  ebenfalls,  auf  abgekürztem
Wege,  durch  die  gleichen  Irrtümer  geschritten  ist,  wie  die,  die  diese  Lehre
entdeckt  und  uns  überliefert  haben.  Eine  Wahrheit,  die  man  wie  vom
Himmel  gefallen  empfängt,  ohne  zu  wissen,  mit  welchen  Anstrengungen
sie  erworben  worden  ist,  ist  wie  ein  mühelos  gewonnenes  Goldstück:  sie
trägt  keinen  Nutzen.
Wir  durften  jedoch  nicht  vergessen,  daß  dieses  Buch  hauptsächlich
für  Studierende  bestimmt  ist,  und  daß  es  nützlich  ist,  ihnen  zu  zeigen,
wodurch  diese  oder  jene  Lehre  die  wissenschaftliche  Kritik  herausfordert,
sei  es  durch  einen  Fehler  in  der  Beweisführung,  oder  durch  ungenaue
Beobachtung  der  Tatsachen.  Wir  haben  aber  unsere  Kommentare  auf
ein  Minimum  beschränkt,  und  zwar  nicht  nur,  um  das  vorliegende  Buch
nicht  zu  sehr  anwachsen  zu  lassen,  sondern  auch  deshalb,  weil  das,  worauf
es  dem  Leser  ankommt,  nicht  unsere  Meinungen,  sondern  die  der  Meister
selbst  sind,  die  wir  hier  darstellen.  So  viel  wie  möglich  haben  wir  sie  selbst
sprechen  lassen  und  haben  uns  aus  diesem  Grunde  nicht  gescheut,  die
Zitate  zu  häufen.
Wir  haben  uns  bemüht,  hauptsächlich  die  Lehren  klarzustellen,  die,
Wahrheiten  oder  Irrtümer,  zur  Bildung  der  heutigen  Ideen  beigetragen
haben  und  mit  ihnen  in  unmittelbarer  Beziehung  stehen.  Der  Plan  dieses
Buches  ist  daher:  wie,  wo  und  durch  wen  sind  die  Grundsätze  aufgestellt
I  worden,  die  das  provisorische  oder  endgültige  Gerüst  der  volkswirtschaftlichen ­
  Wissenschaft  bilden,  so  wie  sie  heute  gelehrt  wird?  Wir  haben
es  sogar  für  nützlich  gehalten,  gewissen  Doktrinen  einen  Platz  einzu') ­

  „Was  würden  wir  dabei  gewinnen,  absurde  Meinungen,  überwundene,  und
mit  Recht  überwundene  Doktrinen  zu  sammeln?  Es  wäre  ebenso  unnütz  wie  langweilig, ­
  sie  auszugraben.  Daher  wird  auch  die  Geschichte  einer  Wissenschaft  um  so
kürzer,  je  mehr  die  Wissenschaft  sich  vervollkommnet;  denn,  wie  dAlembert  sehr
richtig  bemerkt,  je  größere  Klarheit  man  über  einen  Gegenstand  gewinnt,  um  so  weniger
gibt  man  sich  mit  den  falschen  oder  zweifelhaften  Ansichten  ab,  die  er  hervorgerufen
hat.  ...  Es  kommt  nicht  darauf  an,  die  Irrtümer  zu  lernen,  sondern  sie  zu  vergessen“
(TraitG  pratique,  Bd.  II,  S.  540).
            
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