Die Entstehung der Arbeitsteilung. 327
moralische und politische, ja auch große wirtschaftliche Vorteile. Noch heute stellt jede
Familienwirtschaft solche Kombinationen dar, aus der durch Arbeitsteilung dies und
senes (z. B. das Bereiten der Mahlzeiten) unter Umständen auszuschalten wäre. Die
Kleinbauern und Tagelöhner, die Maurer und Zimmerleute, die im Winter weben und
schnitzen, können für bestimmte Verhältnisse heute ebenso am Platze sein, wie vor
160 Jahren der Schuster, der zugleich Gerber war. Da und dort kann freilich auch
die Not zu heterogenen Verbindungen führen, welche nicht hergebracht, sondern, aus Not
neu erdacht und geübt, technisch geringe Leistungen zum Ergebnis haben. Wo unter
bestimmten Verhaͤltnissen technische Funktionen, die anderwaͤrts längst getrennt find,
noch in einer Person sich vereinigen, könnte man von halber Arbeitsteilung reden,
während wir unter der ganzen Arbeitsteilung diejenigen specialisierten Thätigkeiten
verstehen, welche die Lebensarbeit der Betreffenden ganz oder überwiegend ausmachen.
Wir werden so die Arbeitsteilung definieren können als die überwiegende und dauernde
Anpafsung der menschlichen Arbeitskräfte an bestimmte specialisierte Aufgaben und
Thaͤtigkeiten, welche der einzelne nicht für sich, sondern für mehrere, für viele, für das
Volk oder auch für Fremde ausübt.
Ist das Neue von Anfang an so eigentümlich, bedeutsam, zeit- und kräfteraubend,
daß es gar nicht in den Kreis der alten Hauswirtschaft und Lebensweise eingefügt wird,
sondern gleich besondere Kräfte und Geschaͤfte fordert, wie z. B. heute die Photographie,
die Produktion von Gas, Elektricität, Lokomotiven, so sprechen wir doch ebenso von
Arbeitsteilung, wie wenn das Spinnen und Weben aus der Familienwirtschaft aus—
geschaltet wird. Und ebenso wenn zwei bisher fremde Stämme ihre Waren und Produkte
lauschen, die sie bisher nicht kannten. Unser Sprachgefühl, welches Derartiges Arbeits—
teilung nennt, fingiert dabei nicht, daß früher das Getrennte in einer Hand gelegen
habe, sondern es will nur sagen? eine rechtlich und gesellschaftlich irgendwie geordnete
nationale oder internationale Gemeinschaft hat Teile ihrer gemeinsamen Bedürfnisse
einzelnen zu befriedigen übertragen.
Die Resultate, welche mit der Arbeitsteilung erreicht werden, können historisch
nicht ihre Ursache sein, denn sie konnten in ihrem ganzen Umfange nicht vorausgesehen
werden. Auch ein angeblicher Tauschtrieb kann nicht, wie A. Smith meint, der kaufale
Ausgangspunkt sein, denn es giebt eine umfangreiche Arbeitsteilung ohne Tausch,
z. B. im Geschlecht, in der Familie, und die primitiven Menschen haben eher eine Ab⸗
neigung gegen den Tausch, wie sie eine Abneigung gegen jede Anderung hergebrachter
Lebensgewohnheiten besitzen. Diese mußte überwunden werden, so oft ein Schritt der
Arbeitsteiluug gelingen sollte, und deshalb war jeder Fortschritt schwierig und langsam;
er hing stets an der nie leicht gelingenden Ausbildung neuer Sitten und Institutionen.
Doch wirkt diesen Hindernissen entgegen, was allen Fortschritt bedingt: die Lust am
Neuen, der taftende Sinn nach Verbesserung, die Not des Lebens, die zu Versuchen
treibt, über die Schwierigkeiten der Existenz besser Herr zu werden, der Spürsinn, der
nach verbesserter Leistung sucht, die dämmernde Einsicht in das kräftesparende Princip
der Arbeitsteilung. Endlich gab die Verschiedenheit der menschlichen Kräfte gleichsam
eine stillschweigende Anleitung zur Arbeitsteilung.
Freilich hat oft auch erst sie die Kräfte nach und nach differenziert. Und bei
allen Stämmen niederer Kultur ist die Verschiedenheit der Individuen ja noch unerheblich,
oder wird sie nicht bemerkt. Aber mindestens der Unterschied des Alters gab Anlaß zu
zeitweiser, der des Geschlechtes zu dauernder verschiedener Thätigkeit. Außerdem: gewisse
Differenzen der Kraft, des Fleißes, der Klugheit hat es stets gegeben, und sie traten
stärker hervor, wenn der Vater seinen Söhnen dauernd verschiedene Aufgaben zuwies;
sie zeigten sich deutlich, wenn große technische oder wirtschaftliche Fortschritte in Frage
standen, denen die einen gewachsen waren, während die anderen sich als unfähig zeigten,
fie mitzumachen. Jedenfalls aber waren, seit es verschiedene Rassen gab, feit die ver—
schiedenen Stämme teils im · Gebirge, teils in der Ebene, teils am Wasser lebten, seit
so verschiedene Arten der Ernährung, der Lebensweise, der Geschicklichkeit sich ausbildeten,
die Individuen der einzelnen Rassen und Stämme durch einen Jahrtaufende umfassenden