Rückblick auf die Theorien der Arbeitsteilung. 325
Schriften d. Ver. f. Socialpol. über Hausindustrie Bd. 89, 40, 41, 42, 84. 85, 86. 87. 1889
bis 1899, über das Handwerk Bd. 62-71. 188352-1897.
M. Mohl, Aus den gewerbswissenschaftlichen Ergebnissen einer Reise in Frankreich. 1845. —
Die SoyIg9l angeführten Werke Le Plays und Barbarets. — Die fämtlichen Berichte über die
Industrieausstellungen.
113. Dogmengeschichte. Wesen und Entstehung der Arbeits—
teilung. Stoffeinteilung. Wir haben in den letzten Kapiteln untersucht, wie
einerfeits die Geschlechts- und Blutsbeziehungen, andererseits die Nachbarschafts-,
Stammes- und Staatsbeziehungen die Menschen verbinden und gruppieren, sie wirt—
schaftlich organisieren und zu typischen Organen und gesellschaftlichen Formen verknüpfen.
Wir haben nun zu sehen, wie Arbeit und Eigentum in diese Beziehungen und Organi—
jationen eingreifen, die Menschen differenzieren und gruppieren. Und es ist da zunächst
auszugehen von dem großen Princip der Arbeitsteilung, das wir im weitesten Sinne
des Wortes fassen, das nicht bloß wirtschaftliche, sondern viel allgemeinere Folgen für
alles menschliche und gesellschaftliche Leben hat, aber vor allem durch die Differenzierung
der Gesellschaft volkswirtschaftlich gestaltend wirkt.
Wir werden dieses Princip nur dann richtig fassen, wenn wir, wie im bisherigen,
von der gesellschastlichen Natur des Menschen, von den verschiedenen Arten gesellschaft—
licher Verbindung, von den gemeinsamen Gefühlen und dem gemeinsamen Handeln der
Menschen ausgehen. Aus den vorhandenen Gemeinsamkeiten geht alles hervor, was
wir Teilung der Arbeit nennen. Nur das thatsächlich oder in der Vorstellung der
Menschen Gemeinsame kann in seiner Scheidung als etwas Geteiltes aufgefaßt werden. —
Seit die denkenden Griechen die Berufsgliederung in ihren rasch zu hoher Kultur
gelangten Gemeinwesen beobachtet sowie die weitgehende gewerbliche Arbeitsteilung Agyptens
als eine Ursache des dortigen Wohlstandes erkannt hatten, bildet die Betrachtung der
gesellschaftlichen Arbeitsteilung ein Element aller gesellschaftlichen Theorien. Adam Smith
hat dann, sich an Ferguson anschließend, die Arbeitsteilung in den Handwerksstätten
und Manufakturen seiner Zeit studiert, hat aus diesen Erscheinungen allgemeine Schlüfse
gezogen, die technische und die tauschwirtschaftliche Arbeitsteilung zum Mittelpunkte
seines Systems gemacht. Mit merkwürdiger Gedankenarmut haben seine Nachfolger an
seinen Beispielen und Sätzen festgehalten, bis Marx die Beobachtungsreihen erweiterte,
die Arbeitsssteilung in der heutigen Fabrik der Werkstattarbeitsteilung des 18. Jahr—
hunderts entgegensetzte. Einen weiteren Anstoß hat die Lehre neuerdings durch die
Biologie erhalten. Sie begann Pflanzen und Tiere unter dem Bilde eines Zellenstaates
zu betrachten, der durch Differenzierung der Zellenindividuen höhere Formen des Daseins
erreiche; sie lehrte, daß eine Art Arbeitsteilung die besondeten Organe der Körper—
bedeckung, der Ernährung, der Fortpflanzung, die besonderen Nervenzellen und Muskel—
zellen geschaffen habe; sie wies nach, daß die niedrigstehenden Wesen eine geringe, die
am höchsten stehenden die entwickeltste Arbeitsteilung aufzeigen; sie lenkte unsere Auf—
merksamkeit weiter auf die Arbeitsteilung der Tierstaaten hin; hauptjsfächlich Herbert
Spencer und Schäffle haben diese Gedankenreihen staatswissenschaftlich zu verwerten,
durch Vergleichungen und Analogien Anregung zu geben gesucht; sie haben aber auch
da und dort den großen Unterschied zwischen dem Zellenstaate und der menschlichen
Gesellschaft übersehen, der darin besteht, daß felbst der niedrigste und roheste Mensch in
ganz anderem Maße Selbstzweck bleibt als die Pflanzen- oder Tierzelle. Jedenfalls ist
es zunächst Aufgabe der socialen Wissenschaften, die gesellschaftliche Arbeitsteilung für
sich zu betrachten, sie nach allen Seiten richtig zu beschreiben, die hieher gehörigen
Erscheinungen zu klassifizieren und daraus die für unsere Wissenschaft brauchbaren
Schlüsse zu ziehen. Einen solchen Versuch habe ich 1889 veröffentlicht. Bücher ist 1898
mit einer Unterfuchung der gewerblichen Arbeitsteilung und ihrer Unterarten gefolgt.
Simmel und Dürkheim haben die Frage vom, sociologischen Standpunkte aus behandelt.
Ich versuche, im folgenden zuerst eine Übersicht der hieher gehörigen Thatsachen
zu geben, dann die wichtigsten allgemeinen Schlüsse daraus zu ziehen. Ich muß aber
vorher doch über Begriff und Entstehung der Arbeitsteilung ein paar Worte sagen.