Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

mehr  der  Physik  als  der  Naturgeschichte.  Auch  hierin  weicht  er  von
Smith  ab,  für  den  der  Wirtschaftskörper  wesentlich  ein  lebendes  Wesen
ist.  Ohne  noch  das  Wort  soziale  Physik  anzuwenden,  erinnert  Say  durch
seine  wiederholten  Vergleiche  mit  der  Physik  Newton’s  beständig  an
diesen  Gedanken.  Wie  die  Gesetze  der  Physik  „sind  ihre  Grundsätze
keineswegs  Menschenwerk  ...  Sie  stammen  aus  dem  Urgründe  der  Dinge;
man  stellt  sie  nicht  auf;  man  findet  sie.  Sie  beherrschen  die  Gesetzgeber
und  die  Fürsten,  und  niemals  verletzt  man  sie  ungestraft“ 1 ).  Wie  die
Gesetze  der  Schwere  sind  sie  nicht  auf  die  Grenzen  eines  Landes  beschränkt:
„Die  Grenzen  der  Staatsverwaltung,  die  vom  Gesichtspunkt  der  Politik
aus  alles  sind,  sind  für  den  Nationalökonomen  nur  Zufälligkeiten“ 2 ).  —
So  baut  er  die  Nationalökonomie  nach  dem  Bilde  einer  exakten  Wissenschaft ­
  auf,  deren  Gesetze  allgemein  gültig  sind.  Wie  in  der  Physik,  ist
es  von  geringerer  Bedeutung,  viele  einzelne  Tatsachen  zu  sammeln,  als
eine  kleine  Anzahl  allgemeiner  Grundsätze  zu  gewinnen,  aus  denen  man
dann  je  nach  den  Umständen  eine  mehr  oder  weniger  lange  Kette  von
Schlußfolgerungen  zieht.
Leidenschaftslosigkeit 3 ),  ein  auf  das  Gesetz  gerichteter  Blick  und
Mißtrauen  gegenüber  jeder  Verallgemeinerung  einzelner  Tatsachen,
sind  zweifellos  Eigenschaften  des  echten  Gelehrten,  aber  Eigenschaften,
die  bei  weniger  umfassender  Begabung  als  der  J.-B.  Say’s,  sich  leicht
verändern,  sich  zu  Fehlern  ausbilden  können,  und  dann  zu  Gleichgültigkeit, ­
  Dogmatismus  und  Tatsachenverachtung  werden.  Ist  nicht  gerade
das  eingetreten?  Hat  Say,  indem  er  diese  Grundsätze  auf  stellte,  die
Nationalökonomie  nicht  auf  den  Weg  gebracht,  wo  sie  sehr  bald  auf  die
oft  sehr  berechtigte  Feindschaft  eines  Sismondi,  eines  List,  der  historischen ­
  Schule  und  der  Christlich-Sozialen  treffen  mußte?  Indem  er
die  Politik  radikal  von  der  Volkswirtschaftslehre  trennte,  indem  er  die
Sorge  um  die  Praxis,  die  Smith  noch  so  stark  beschäftigt  hatte,  aus  dieser
Wissenschaft  ausschied,  gibt  er  ihr  wohl  eine  größere  Harmonie,  aber
auch  eine  gewisse  Nüchternheit,  die  bei  seinen  wenigen  hochstehenden
Nachfolgern  der  Langenweile  oder  der  Banalität  zum  Verwechseln  ähnlich
sieht.  Mit  Recht  oder  Unrecht  hat  man  die  Verantwortung  hierfür  Say
zugeschoben.

*)  Traite,  Vorrede,  1.  Ausg.,  S.  IX,  und  6.  Ausg.,  S.  13.
2 )  Traite,  1.  Ausg.,  I,  S.  404.
3 )  Man  darf  nicht  übertreiben  und  Say  als  gleichgültig  gegen  das  Leiden  des
Elendes  ansehen.  Er  stellt  z.  B.  fest,  daß  „für  viele  Haushaltungen,  in  den  Städten,
wie  auf  dem  Lande,  das  ganze  Leben  aus  Entbehrungen  besteht“,  und  daß  die  Sparsamkeit ­
  „im  Allgemeinen  nicht  mit  Hinsicht  auf  unnötigen  Verbrauch,  wie  es  die  Politik
und  die  Humanität  haben  möchten,  geübt  wird,  sondern  daß  wirkliche  Bedürfnisse
darunter  zu  leiden  haben,  wodurch  das  volkswirtschaftliche  System  vieler
Regierungen  verurteilt  wird- 1 .  —  Traite,  1.  Ausg.,  Bd.  I,  S.  97/98  und  6.  Ausg.,
S.  116.  —  Vgl.  auch,  was  wir  oben,  S.  101,  Anm.  4  sagen.
            
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