Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

der  Kraft  der  Natur  ziehen  kann,  worunter  auch  die  Kraft  des  Windes
und  der  Wasserströmungen  fallen 1 ).  Was  die  Ärzte,  Rechtsanwälte,
Künstler  usw.  anlangt,  so  kann  man  gar  nicht  leugnen,  daß  sie  ebenfalls
an  der  Gütererzeugung  beteiligt  sind.  Schon  Germain  Garnier  hatte
gegen  ihre  Ausschließung  protestiert.  Zwar  sind  ihre  Dienste  immaterielle
Erzeugnisse,  aber  trotzdem  doch  ebensogut  Erzeugnisse,  die,  wie  die
anderen,  einen  tauschbaren  Wert  haben,  und  die  sich  aus  dem  Zusammenwirken ­
  von  Industrie  und  Kapital  ergeben 2 ).  Sie  sind  genau  dasselbe
wie  die  Annehmlichkeit  und  der  Nutzen,  den  uns  materielle  Gegenstände,
wie  z.  B.  ein  Wohnhaus,  ein  Garten  oder  Silbergerät  gewähren.  In  dieser
Hinsicht  stieß  die  Lehre  Say’s  zuerst  auf  einigen  Widerstand,  da  die
englischen  Ökonomisten  sich  nur  schwer  entschließen  konnten,  eine  einfache ­
  Dienstleistung,  die  nichts  Dauerhaftes  an  sich  hat  und  daher  nie
dem  Kapital  Zuwachsen  kann,  als  ein  wirtschaftliches  Gut  und  folglich
als  ein  Erzeugnis  anzusprechen.  Trotzdem  gelang  es  Say  ziemlich  schnell,
die  Mehrheit  der  in  Betracht  kommenden  Schriftsteller  zu  bekehren 3 ).  —
Weiterhin  findet  er  (nach  Condillac)  einen  einschneidenden  Beweis
gegen  die  Physiokraten:  „produzieren“  bedeutet  keineswegs:  materielle
Gegenstände  schaffen.  (Schafft  der  Mensch  überhaupt  etwas,  und
tut  er  je  etwas  anderes,  als  die  Materie  umformen?)  Produzieren  bedeutet ­
  einfach:  Nützlichkeiten  schaffen,  die  Eigenschaften  der  Sachen,
unserem  Bedürfnisse  zu  dienen  und  unseren  Wünschen  entgegenzukommen, ­
  zu  erhöhen.  Daher  sind  alle  Arbeiten,  die  zu  diesem  Resultate
beitragen,  die  Industrie  und  der  Handel,  ebenso  wie  die  Landwirtschaft
produktiv 4 ).  Auf  diese  Weise  fallen  die  physiokratischen  Unterscheidungen ­
  in  sich  zusammen.  Damit  vollendet  Say  eine  Widerlegung,  die
Smith,  der  noch  nicht  genug  Abstand  von  seinen  Gegnern  hatte,  nicht
hatte  zu  Ende  führen  können.
2.  Auch  in  einer  anderen  Hinsicht  führt  Say  das  Werk  Smith’s  fort

x )  Ebenda,  S.  21.  Später  gebraucht  er  den  umfassenderen  Ausdruek  „agents
naturels“.
2 )  Ebenda,  Ausg.  v.  1803,  B.  I,  Kap.  42  und  43.  Unter  „Industrie“  versteht
Say  alle  Formen  der  Arbeit.  Vgl.  6.  Aifg.,  S.  70ff.
3 )  Malthus  scheint  noch  der  Lehre  von  den  immateriellen  Erzeugnissen  ablehnend ­
  gegenüberzustehen,  aber  Lauderdale,  Tooke,  Mac  Culloch  und  Senior  nehmen
sie  an.  und  sie  schien  endgültig  gesichert,  als  Stuart  Mill  von  Neuem  den  Sinn  des
Wortes  Produkt  allein  auf  die  materiellen  Erzeugnisse  beschränkte.  Was  Tooke  anlangt, ­
  vgl.  seine  Briefe  an  J.-B.  Say  in  den  „(Euvres  diverses“  des  Letzteren.
4 )  Traitü,  B.  I,  Kap.  II.  Ist  es  nicht  eigentümlich,  daß  Say  selbst  nicht  dazu
gelangt,  diesen  Gedanken  richtig  auf  den  Handel  anzuwenden  ?  Er  nennt  ihn  produktiv,
weil  er  tauschbare  Werte  schafft,  kritisiert  aber  trotzdem  Condillao,  gerade  we)'
er  gezeigt  hat,  daß  die  Tatsache  des  Austausches  allein  den  Reichtum  vermehrt,  da  sie
die  Nützlichkeit  der  Gegenstände  erhöht!  Für  Say  gehen  nämlich  Nützlichkeit  nnd
tauschbarer  Wert  beständig  ineinander  über,  und  diese  Verwirrung  läßt  ihn  in  schwere
Irrtümer  verfallen.
            
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