Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

128  Erstes  Buch.  Die  Begründer.

volle  Aussehen  einer  „seientia  sinistra“  gab,  einer  „dismal  science“,  wie
Carlyle  später  sagte.
Aus  diesem  Grunde  nennen  wir  sie  Pessimisten,  ohne  mit  diesem
Beiwort  einen  Tadel  ausdrücken  zu  wollen,  da  wir  im  Gegenteil  zu  zeigen
versuchen  werden,  daß  ihre  Theorien  der  Wahrheit  näher  kommen,  als
die  der  Optimisten,  von  denen  wir  weiterhin  sprechen  werden:  —  Pessimisten, ­
  weil  sie  uns  zahllose  Gründe  aufdecken,  um  nicht  mehr  an  die
Übereinstimmung  der  individuellen  Interessen  mit  denen  der  Allgemeinheit ­
  zu  glauben,  trotzdem  sie  selbst,  genau  wie  ihre  Vorgänger,  fortfahren,
das  Vorhandensein  dieser  Übereinstimmung  zu  behaupten  -  —-  Pessimisten,
weil  sie  uns  überall  verwirrende  Gegensätze  zwischen  den  Grundbesitzern
und  den  Kapitalisten,  zwischen  den  Kapitalisten  und  den  Arbeitern
zeigen;  —  Pessimisten,  weil  sie  unter  den  Gesetzen  der  Natur,  und  sogar
der  Vorsehung,  die  die  Ordnung  auf  Grund  der  einzigen  Bedingung
verwirklichen  sollten,  daß  die  Menschen  sie  verstehen  und  ihnen  gehorchen
lernen,  andere  zu  entdecken  wähnen,  die,  wie  das  Gesetz  der  Bodenrente,
einer  kleinen  Zahl  müßiger  Grundeigentümer  ein  Einkommen  sichern,
das  die  Tendenz  hat,  im  direkten  Verhältnis  zu  der  Not  der  Bevölkerung
zu  wachsen;  oder  wie  das  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages,
nach  dem  der  Erzeugung  der  unentbehrlichen  Lebensmittel  verhängnisvolle ­
  Grenzen  gezogen  sind,  Grenzen,  deren  Druck  sich  schon  jetzt  sehr
fühlbar  macht,  und  die  den  Menschen  keine  andere  Aussicht  lassen,  um
ihr  Los  zu  verbessern,  als  freiwillig  ihre  Anzahl  zu  beschränken;  oder  endlich ­
  Gesetze  wie  das  des  konstant  sinkenden  Profites,  das  den  Fleiß
des  Menschen  früher  oder  später  im  Sumpf  des  „stationären  Zustandes“"
endigen  lassen  muß.
Pessimisten  auch  deshalb,  weil  sie  nicht  an  die  Möglichkeit  glaubten,
den  Lauf  dieser  unabänderlichen  Gesetze  wandeln  zu  können,  denen
nach  ihrer  Ansicht  gesetzgeberische  Reformen  ebenso  wie  die  organisierte ­
  Betätigung  eines  zielbewußten  Willens  ohnmächtig  gegenüberstehen.
  Ihr  Vertrauen  auf  das,  was  wir  Fortschritt  nennen,  war  alles  in
allem  äußerst  gering.
Man  darf  aber  nicht  annehmen,  daß  sie  sich  selbst  als  Pessimisten
betrachtet,  oder  daß  ihre  Zeitgenossen  sie  dafür  gehalten  hätten/
ist  das  eine  Bezeichnung  a  posteriori,  die  sie  stark  in  Erstaunen  gesetzt
haben  würde.  Sie  entwickeln  im  Gegenteil  ihre  Theorien  mit  einer  Seelenheiterkeit, ­
  die  befremdet.  Keinen  Augenblick  kommt  ihnen  der  Gedanke,
daß  man  darin  eine  Anklage  gegen  die  bestehende  Ordnung  der  Ding®
oder  gegen  die  Weisheit  des  „großen  Schöpfers  der  Natur“  sehen  könnte-Sie
  glauben,  das  Grundeigentum  auf  eine  unerschütterliche  Basis  gesteh
zu  haben,  wenn  sie  nachweisen,  daß  die  Bodenrente  nichts  mit  dein  Eig eI *'
tum  zu  tun  habe.  Sie  zweifeln  nicht  daran,  den  Geist  der  Revolte  ent-
            
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