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Kapitel III. Die Pessimisten. 129
waffnet zu haben, wenn sie den Armen nachweisen, daß sie selbst für ihr
Unglück verantwortlich sind 1 ).
Die beiden Hauptvertreter dieser Lehre, Malthus und Ricardo,
waren Philanthropen, Volksfreunde, wie sie selbst erklären, und wir
haben keinen Grund, ihre Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehen 2 ). Ihre
Zeitgenossen waren über diese neue Nationalökonomie keineswegs er
schrocken, sondern nahmen sie mit großer Begeisterung auf. Die große
englische Gesellschaft 3 ) öffnete ihnen weit ihre Arme, und sogar Damen
bemühten sich, in Novellen und Erzählungen die abstrakten Theorien
eines Ricardo 4 ) allen verständlich zu machen.
Auch muß man anerkennen, daß sie der Wissenschaft — und infolge
einer durch sie hervorgerufenen Gegenströmung auch den Arbeiterklassen
— ganz bedeutende Dienste geleistet haben. Auch wenn den Pessimisten,
wie hier, ihr Pessimismus nicht bewußt wird, dienern sie dem Fortschritt
doch mehr, als die Optimisten. Ihnen ist die große kritische Bearbeitung
aller volkswirtschaftlichen Lehren und Einrichtungen zu verdanken,
die das 19. Jahrhundert geleistet hat, und die noch bei weitem nicht
abgeschlossen ist. Wie wir weiterhin sehen werden, ist Ricardo der
geistige Vater von Karl Marx. Übrigens sind mehrere ihrer Theorien
durchaus nicht pessimistisch, — aber gerade auf diesen beruht ihr Ruhm
nicht.
1 ) „Das Volk muß sich selbst als die Hauptursache seines Elendes betrachten“
(Malthus, S. 600).
Deshalb sagen zweifellos auch andere Schriftsteller, wie z. B. Elie Halevy in
seinem Buch: Le Radicalisme Philosophique, daß Ricardo, Malthus und ihre
Jünger „als Vertreter des Optimismus und des „Nicht-daran-rührens“ gelten“. Op
timismus alsol In welchem Sinn!? Ohne Zweifel, weil sie die wirtschaftliche Ordnung
für die bestmögliche und auf jeden Fall für unabänderlich hielten? Mag das sein.
Hierfür scheint uns dann aber die Bezeichnung „zufriedene Pessimisten“ besser.
2 ) „Jeder unparteiische Leser muß anerkennen, daß das praktische Ziel, das dem
Verfasser vor allen vorschwebte, die Besserung der Lage und die Erhöhung des Lebens
glücks der unteren Gesellschaftsklassen ist.“ Mit dieser Erklärung schließt Malthus
sein Buch über die Bevölkerung.
3 ) In ihren Briefen erzählt uns eine Zeitgenossin Ricardo’s, Miss Edgeworth
die Nationalökonomie wäre damals so stark Mode gewesen, daß die Damen der Ge
sellschaft, ehe sie für ihre Töchter eine Erzieherin nahmen, sich erkundigten, ob die
betreffende diese Wissenschaft lehren könne.
J ) Conversations on Political Economy, von Mrs. Mahcet (1816).
Illustrations of Political Economy, von Miss Martineau, 9 Bände mit zusammen
30 Erzählungen (1832—1836), eine merkwürdige und sehr lehrreiche Darstellung der
Wirtschaftswissenschaft vor einem Jahrhundert — für jeden, der die Geduld besitzt,
sie zu lesen.
Gide tuid Rist, Gesell, d. Volkswirtschaft!. Lehnneinungen. 2. Aull. 9