Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

134

Erstes  Buch.  Die  Begründer.

reihe,  die  nur  9  Perioden  oder  die  verhältnismäßig  kurze  Zeit  von  200  Jahren
umfaßt,  ist  die  Zahl  für  die  Bevölkerung  schon  28mal  größer  als  die  Zahl
für  die  Lebensmittel:  bei  dem  31.  Gliede  wäre  die  Milliarde  überschritten,
und  wenn  man  die  Reihe  bis  auf  das  100.  Glied  fortsetzte,  würde  ein
numerischer  Ausdruck  nicht  mehr  möglich  sein.
Die  erste  dieser  Reihen  kann  als  richtig  anerkannt  werden,  soweit
sie  das  biologische  Fortpflanzungsgesetz  vorstellt.  Allerdings  setzt  die
Verdoppelung  vier  zum  zeugungsfähigen  Alter  gelangende  Kinder  voraus
und  folglich  etwa  5  bis  6  Geburten,  um  den  infolge  der  unvermeidlichen
Kindersterblichkeit  eintretenden  Ausfall  gut  zu  machen 1 ).  Diese  Ziffer
mag  uns  hoch  erscheinen,  die  wir  in  Gemeinwesen  leben,  wo  die  Beschränkung ­
  der  Geburten  üblich  ist.  Jedoch  beweisen  die  Tatsachen,  daß  bei
allen  lebenden  Wesen,  sogar  beim  Menschen,  der  am  wenigsten  fruchtbar
ist,  die  Zahl  der  Geburten  im  natürlichen  Lauf  der  Dinge  beträchtlich
höher  sein  würde.  Die  Zahl  der  sich  folgenden  Schwangerschaften  des  im
Alter  der  Reproduktionsfähigkeit  stehenden  Weibes  kann  etwa  zwanzig
erreichen  und  hat  sie  in  gewissen  Fällen  tatsächlich  überstiegen.  Dank  dieser
Vermehrung  hat  sich  die  Erde  bis  heute  bevölkert,  und  nichts  weist  darauf
hin,  daß  diese  Reproduktionsfähigkeit  heute  bei  beiden  Geschlechtern
geringer  sei  als  früher.  Wenn  Malthus  daher  nur  die  Zahl  2  als  Rate
seiner  Vermehrungsreihe  annimmt,  hat  er  nichts  übertriebenes  behauptet.
Eher  kann  noch  die  25  jährige  Dauer  der  Zwischenzeit  zwischen
je  zwei  Zahlen  zur  Kritik  Anlaß  geben 2 ).  Der  Zeitraum  zwischen  dem
Durchschnittsalter  der  Eltern  und  dom  durchschnittlichen  Alter,  in  dem
die  Kinder  dieses  Paares  ihrerseits  Kinder  erzeugen,  kann  kaum  geringer

9  In  der  Tat  sah  Malthus,  um  seine  Multiplikation  mit  zwei  zu  rechtfertigen,
eine  Familie  mit  sechs  Kindern  als  das  Normale  an.  Wenn  man  voraussetzt,  daß  von
sechs  durchschnittlich  zwei  vor  der  Heirat  sterben  oder  unverehelicht  bleiben,  bleiben
vier,  die  ihrerseits  Kinder  zeugen  werden,  und  derartig  gewinnen  wir  die  Reihe  2,  4,8  usw.
Bei  nur  zwei  Kindern  auf  das  Paar  würde  die  Bevölkerung  natürlich  zurückgehen,
da  nicht  alle  Kinder  das  zeugungsfähige  Alter  erreichen,  und  auch  von  denen,  die  es
erreichen,  nicht  alle  Kinder  erzeugen.  Die  Erfahrung  zeigt,  daß  bei  weniger  als  drei
Kindern  auf  das  Paar  die  Bevölkerung  nicht  steigt  oder  sich  nur  ganz  unbedeutend
vermehrt.  Das  ist  der  Fall  in  Frankreich,  wo  auf  jede  Ehe  im  Durchschnitt  2,70  Geburten ­
  fallen.
2 )  Malthus  hat  jedoch  nicht  ganz  willkürliche  Zahlen  eingesetzt.  Was  die
25jährige  Verdoppelungsperiode  anlangt,  stützte  er  sich  auf  die  Bevölkerungsbewegung
in  den  Vereinigten  Staaten.  Es  ist  merkwürdig,  daß  man  im  Laufe  des  XIX.  Jahrhunderts ­
  in  den  Vereinigten  Staaten  eine  Bevölkerungsbewegung  feststellen  kann,
die  ziemlich  genau  mit  dem,  was  Malthus  voraussah,  übereinstimmt.  1800  betrug  die
Bevölkerung  5  Millionen.  Wenn  man  sie  viermal  verdoppelt  (4  Perioden  von  jo  25  Jahren
=  100  Jahre),  hat  man  für  1900  die  Zahl  von  80  Millionen.  Diese  Ziffer  wurde  1905
erreicht,  also  mit  einer  Verspätung  von  nur  5  Jahren  gegenüber  der  Voraussage.  Allerdings ­
  muß  dabei  hervorgehoben  werden,  daß  es  sich  um  einen  reinen  Zufall  handelt,
da  der  Zuwachs  auf  der  Einwanderung,  nicht  auf  der  Natalität  beruht.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.