Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

aus  nicht.  Niemals  hat  Malthus  die  geschlechtliche  Enthaltsamkeit
in  der  Ehe  befürwortet.  Wir  haben  schon  gesagt,  daß  er  sechs  Kinder
(was  wenigstens  die  Verdoppelung  jeder  Generation  bedeutet)  als  den
Typus  einer  normalen  Familie  bezeichnet.  Und  dabei  stellt  er  diese
Zahl  keineswegs  als  ein  Maximum  hin,  denn  er  fügt  hinzu:  „Vielleicht
wird  man  mir  entgegenhalten,  daß  niemand,  der  sich  verheiratet,  die
Zahl  seiner  Kinder  Voraussagen  kann,  und  ob  er  nicht  mehr  als  sechs
haben  wird.  Das  ist  unbestreitbar“  (S.  570).
Worin  soll  nun  diese  moralische  Enthaltsamkeit  bestehen?  Hierauf
antwortet  er:  „Enthaltung  von  der  Ehe,  zusammen  mit  keuschem  Lebenswandel, ­
  nenne  ich  moralische  Enthaltsamkeit“  (S.  14).  In  einer  Anmerkung
bemerkt  er  noch,  um  jedes  Mißverständnis  auszuschließen:  „Ich  verstehe
unter  moralischer  Enthaltsamkeit  die,  welche  jemand  hinsichtlich  der
Heirat  aus  einem  Klugheitsgrunde  übt,  solange  sein  Lebenswandel  während
dieser  Zeit  durchaus  moralisch  ist.  Ich  habe  mich  in  diesem  Werke  bemüht, ­
  nie  von  dieser  Auslegung  abzuweichen.“  Es  ist  also  klar:  es  handelt
sich  um  völlige  Enthaltsamkeit  von  jedem  geschlechtlichen  Verkehr
außer  der  Ehe,  um  das  Hinausschieben  der  Ehe  selbst  bis  zu  einem  Zeitpunkt, ­
  wo  der  Mann  imstande  ist,  die  Verantwortlichkeit  für  eine  Familie
auf  sich  zunehmen,  oder  sogar  um  vollständigen  Verzicht  auf  die  Ehe,
wenn  dieser  Zeitpunkt  nie  eintritt.
Man  sieht  hieraus,  daß  Malthus  durchaus  die  Mittel  verwirft,  deren
Verbreitung  heute  von  denen  angestrebt  wird,  die  sich  auf  ihn  berufen:
er  verurteilt  die,  welche  die  freie  Ausübung  des  geschlechtlichen  Verkehrs, ­
  sei  es  außer,  sei  es  in  der  Ehe  befürworten,  indem  sie  ihn  absichtlich ­
  steril  gestalten.  Die  Anwendung  jedes  Präventivmittels  bezeichnet
er  als  Laster,  im  Gegensatz  zur  moralischen  Enthaltsamkeit.  Malthus
ist  in  diesem  Punkte  sehr  kategorisch:  „Ich  weise  jedes  künstliche  und
den  Naturgesetzen  zuwiderlaufende  Mittel  zurück,  durch  das  man  die
Bevölkerung  beschränken  möchte.  Die  Hemmungen,  die  ich  befürworte,
sind  mit  der  Vernunft  in  Übereinstimmung  und  vor  der  Religion  gerechtfertigt“ ­
  (S.  616).  Und  er  fügt  die  für  Frankreich  wahrhaft  prophetischen
Worte  hinzu:  „Es  wäre  zu  leicht  und  zu  einfach,  das  Wachstum  der  Bevölkerung ­
  sogar  völlig  aufzuhalten,  und  damit  würde  man  in  den  entgegengesetzten ­
  Fehler  verfallen.“
Es  ist  kaum  nötig  darauf  hinzuweisen,  daß,  wenn  Malthus  den
ehelichen  Präventivverkehr  verwirft,  er  mit  noch  größerem  Nachdruck
gegen  jenes  andere  Präventivmittel  auftritt,  das  in  der  Einrichtung
einer  besonderen  Klasse  weiblicher,  der  Prostitution  verfallener  Wesen
besteht 1 ).  Mehr  noch  hätte  er  jene  Mittel  verworfen,  von  denen  zu
1 )  „Die  Prostitution,  die  allerdings  der  Bevölkerungsvermehrung  Abbruch  tut,
zieht  gleichfalls  eine  Schwächung  der  edelsten  Herzenseigenschaften  und  eine  Erniedrigung ­
  des  Charakters  nach  sich.  Jeder  andere  ungesetzliche  Geschlechtsverkehr
            
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