Kapitel III. Die Pessimisten.
137
Könnte man aber hierauf nicht erwidern, daß dieser Mangel an
Nahrungsmitteln bei den Wilden, wie bei den Tieren mehr auf einer
Produktionsunfähigkeit, als auf einer Übervölkerung beruhe?
Malthus erwidert jedoch sofort mit dem Hinweis auf die Beibehaltung
vieler dieser Gewohnheiten selbst bei so zivilisierten Völkern
wie den Griechen. Sogar bei modernen Völkern bestehen, wenn auch
abgeschwächt, diese Formen brutaler Unterdrückung. Wenn wirkliche
Hungersnot sich auch nur noch in Bußland und Indien findet, so herrscht
sie doch mitten unter den zivilisiertesten Gemeinschaften als physisches
Elend, das sich am verheerendsten in der Tuberkulose äußert. Sie zieht
eine erschreckliche Kindersterblichkeit und für die erwachsene Arbeiterbevölkerung
frühzeitigen Tod nach sich. Der Krieg fährt fort, die Menschen
in Massen niederzumähen. Malthus lebte ja zur Zeit jener Kriege der
Revolution und des ersten Kaiserreichs, in denen von 1791—1815 in
Europa zehn Millionen blühender, kräftiger Männer umkamen 1 ).
Bei zivilisierten Völkern aber läßt sich das Gleichgewicht zwischen
Bevölkerung und Lebensmittelmenge durch menschlichere Mittel herstellen,
indem nämlich die repressive Hemmung, die in der Steigerung
der Sterblichkeit besteht, durch die präventive Hemmung,
die in der Verringerung der Geburten besteht, ersetzt
wird. Dieser Ausweg steht unter allen nur dem Wesen offen, das mit
Vernunft und Voraussicht begabt ist: dem Menschen. Wenn er weiß,
daß seine Kinder dem Tode geweiht sind, kann er sich ihrer Zeugung
enthalten.
Malthus hat, besonders in der zweiten Ausgabe seines Buches,
die präventiven Mittel eingehender dargestellt und dadurch die drohenden
Aussichten, die die erste eröffnete, abgeschwächt. Es kommt nun
darauf an, zu wissen, was er darunter versteht. In einer so bedeutsamen
Frage, in der die Gedanken des hochwürdigen Pfarrers von Haileybury
so eigentümlich entstellt worden sind, dürfen wir uns nicht scheuen, die
Zitate etwas zu häufen.
Die präventive Hemmung ist für Malthus die moralische Enthaltsamkeit
— moral restraint. — Was soll man hierunter verstehen?
Bedeutet es, wie immer wieder behauptet wird, die Enthaltsamkeit vom
geschlechtlichen Verkehr in der Ehe, sobald die Zahl der Kinder genügend
groß ist, um die Bevölkerung auf gleicher Höhe oder in gemäßigtem
Wachstum zu halten, sobald also etwa drei Kinder erzeugt sind? Durch-*)
Was hätte er von dem letzten großen Kriege gesagt, der in vier Jahren ungefähr
8 Millionen Todesfälle unter der militärischen und wahrscheinlich ebensoviel unter
der bürgerlichen Bevölkerung verursacht hat? Ohne Zweifel hätte er darin die Folge
und gleichzeitig das Heilmittel der Überbevölkerung Europas erblickt, das von 180
Millionen Einwohnern, die zu seiner Zeit lebten, auf 460 Millionen bei Ausbruch des
Krieges gestiegen war.