Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  III.  Die  Pessimisten.

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Könnte  man  aber  hierauf  nicht  erwidern,  daß  dieser  Mangel  an
Nahrungsmitteln  bei  den  Wilden,  wie  bei  den  Tieren  mehr  auf  einer
Produktionsunfähigkeit,  als  auf  einer  Übervölkerung  beruhe?
Malthus  erwidert  jedoch  sofort  mit  dem  Hinweis  auf  die  Beibehaltung ­
  vieler  dieser  Gewohnheiten  selbst  bei  so  zivilisierten  Völkern
wie  den  Griechen.  Sogar  bei  modernen  Völkern  bestehen,  wenn  auch
abgeschwächt,  diese  Formen  brutaler  Unterdrückung.  Wenn  wirkliche
Hungersnot  sich  auch  nur  noch  in  Bußland  und  Indien  findet,  so  herrscht
sie  doch  mitten  unter  den  zivilisiertesten  Gemeinschaften  als  physisches
Elend,  das  sich  am  verheerendsten  in  der  Tuberkulose  äußert.  Sie  zieht
eine  erschreckliche  Kindersterblichkeit  und  für  die  erwachsene  Arbeiterbevölkerung ­
  frühzeitigen  Tod  nach  sich.  Der  Krieg  fährt  fort,  die  Menschen
in  Massen  niederzumähen.  Malthus  lebte  ja  zur  Zeit  jener  Kriege  der
Revolution  und  des  ersten  Kaiserreichs,  in  denen  von  1791—1815  in
Europa  zehn  Millionen  blühender,  kräftiger  Männer  umkamen 1 ).
Bei  zivilisierten  Völkern  aber  läßt  sich  das  Gleichgewicht  zwischen
Bevölkerung  und  Lebensmittelmenge  durch  menschlichere  Mittel  herstellen,
  indem  nämlich  die  repressive  Hemmung,  die  in  der  Steigerung ­
  der  Sterblichkeit  besteht,  durch  die  präventive  Hemmung, ­
  die  in  der  Verringerung  der  Geburten  besteht,  ersetzt ­
  wird.  Dieser  Ausweg  steht  unter  allen  nur  dem  Wesen  offen,  das  mit
Vernunft  und  Voraussicht  begabt  ist:  dem  Menschen.  Wenn  er  weiß,
daß  seine  Kinder  dem  Tode  geweiht  sind,  kann  er  sich  ihrer  Zeugung
enthalten.
Malthus  hat,  besonders  in  der  zweiten  Ausgabe  seines  Buches,
die  präventiven  Mittel  eingehender  dargestellt  und  dadurch  die  drohenden ­
  Aussichten,  die  die  erste  eröffnete,  abgeschwächt.  Es  kommt  nun
darauf  an,  zu  wissen,  was  er  darunter  versteht.  In  einer  so  bedeutsamen
Frage,  in  der  die  Gedanken  des  hochwürdigen  Pfarrers  von  Haileybury
so  eigentümlich  entstellt  worden  sind,  dürfen  wir  uns  nicht  scheuen,  die
Zitate  etwas  zu  häufen.
Die  präventive  Hemmung  ist  für  Malthus  die  moralische  Enthaltsamkeit ­
  —  moral  restraint.  —  Was  soll  man  hierunter  verstehen?
Bedeutet  es,  wie  immer  wieder  behauptet  wird,  die  Enthaltsamkeit  vom
geschlechtlichen  Verkehr  in  der  Ehe,  sobald  die  Zahl  der  Kinder  genügend
groß  ist,  um  die  Bevölkerung  auf  gleicher  Höhe  oder  in  gemäßigtem
Wachstum  zu  halten,  sobald  also  etwa  drei  Kinder  erzeugt  sind?  Durch-*)

  Was  hätte  er  von  dem  letzten  großen  Kriege  gesagt,  der  in  vier  Jahren  ungefähr
8  Millionen  Todesfälle  unter  der  militärischen  und  wahrscheinlich  ebensoviel  unter
der  bürgerlichen  Bevölkerung  verursacht  hat?  Ohne  Zweifel  hätte  er  darin  die  Folge
und  gleichzeitig  das  Heilmittel  der  Überbevölkerung  Europas  erblickt,  das  von  180
Millionen  Einwohnern,  die  zu  seiner  Zeit  lebten,  auf  460  Millionen  bei  Ausbruch  des
Krieges  gestiegen  war.
            
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