Full text: Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel III. Die Pessimisten. 
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seiner Zeit kaum die Rede war, wie die Abtreibung — ein Verbrechen, 
das in unseren modernen Gesellschaften in viel umfassenderem Maße 
an die Stelle des Kindermordes und der Kinderaussetzung des Altertums 
zu treten strebt, — denen aber das Strafgesetzbuch ohnmächtig gegen 
übersteht, und die eine neue Moral sogar zu rechtfertigen anfängt. 
Aber nun erhebt sich eine Frage: da nun so alle der Moral wider 
sprechenden Mittel ausgeschaltet sind, wie hat da Malthus glauben können, 
daß die moralische Enthaltsamkeit, wie er sie auffaßte, jemals zu einem 
ausreichenden und wirksamen Zaum gegen die Übervölkerung werden 
könnte ? 
Ohne Zweifel möchte er es gern: er bemüht sich, die Menschen für 
diesen heiligen Kreuzzug zu rüsten: „Die Christen weise ich darauf hin, 
daß uns die heilige Schrift klar und unzweideutig als positive Pflicht 
die Beherrschung unserer Leidenschaften in vernünftigen Grenzen vor 
schreibt . . . Ein Christ kann die Schwierigkeit der moralischen Enthalt 
samkeit nicht als Entschuldigung, die ihn von dieser Pflicht entbinde, 
anführen“ (S. 479). Und denen gegenüber, die nur der Vernunft gehorchen 
wollen, führt er aus: „daß diese Tugend (die Keuschheit) auf Grund genauer 
Untersuchung zur Vermeidung der Übel notwendig erscheint, die ohne 
sie eine unausbleibliche Folge der Naturgesetze sind“ 1 ). 
Im Grunde seines Herzens glaubt er aber kaum an eine Ausbrei 
tung der moralischen Enthaltsamkeit, um den menschlichen Liebes- 
drang zu beherrschen und zu regeln. Deshalb fühlt er sich auch 
wenig sicher, und trotz des Schildes aus reinem und zerbrechlichem 
Kristall, den er der Hydra entgegenhielt, erschien sie ihm noch immer 
wirkt ebensosehr wie die Ehe auf ein Wachstum der Bevölkerung hin (wenn man nicht 
Mittel anwendet, die die Moral verwirft), läßt es jedoch viel wahrscheinlicher erscheinen, 
daß die Kinder der Fürsorge der Gesellschaft zur Last fallen“ (S. 476). 
') „Diese Betrachtungen beweisen, daß die Keuschheit nicht, wie einige vermuten, 
eine erzwungene Tugend ist, die ein künstlicher sozialer Zustand hervorbringt, sondern 
daß sie ihre wirkliche und feste Grundlage in der Natur und in der Vernunft hat: diese 
Tugend ist auch das einzige richtige Mittel, die Laster und Leiden, die das Prinzip 
der Bevölkerung nach sich zieht, zu vermeiden.“ 
Malthus weist darauf hin, daß diese Tugend seit jeher von den Frauen gefordert 
worden ist, und daß es „daher keinen Grund gibt, weshalb die Verletzung der Gesetze 
der Keuschheit nicht in gleicher Weise für beide Geschlechter entehrend sein solle* 
(S. 471) Hierin liegt schon die kühne Forderung gleicher Moral für beide Ge 
schlechter. 
Wenn man daher dem hochwürdigen Herrn den Vorwurf macht, Gott zu lästern, 
der den Menschen befohlen hat: Seid fruchtbar und mehret euch, ein Vorwurf, gegen 
den er besonders empfindlich sein müßte — wäre es Malthus leicht gewesen, hierauf 
mit dem Hinweis zu antworten, daß, wenn die Vorsehung die Zeugung des Lebens 
gewollt hat, doch auch die Keuschheit eine christliche Tugend ist, und daß vielleicht 
ihr Zweck gerade die vorsorgende Funktion sei, die Zeugung in einem richtigen Gleich 
gewicht zu halten.
	        
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