Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

XVI

Vorwort  des  Herausgebers.

gilt,  wie  gesagt,  auch  für  die  Mehrzahl  der  übrigen  —  aus  dem  Grunde
fernliegen,  weil  er  selbst  überzeugter  Anhänger  der  historischen  Schule
war.  Von  dem  Standpunkt  dieser  Auffassung  aus,  die  der  Möglichkeit
einer  gedanklichen  Bewältigung  der  Tatsachen,  und  nun  gar  auf  dem
c  Wege  der  deduktiven  Betrachtung,  skeptisch  gegenübersteht,  ist  eine
k  wirklich  eindringende  dogmenkritische  Betrachtung  des  Stoffes  gar  nicht
E  denkbar.  Einer  solchen  Auffassung  müssen  die  miteinander  kämpfenden
Z  Theoreme  als  ungefähr  gleichwertig  und  gleichberechtigt  erscheinen,  und
zi  so  fehlt  der  Drang  zu  eindringlicher  Kritik,  zu  erschöpfender  Diskussion
B  von  vorn  herein.
t  Das  Ideal  einer  Geschichte  der  nationalökonomischen  Doktrinen  liegt
in  einer  Kombination  der  beiden  Verfahren.  Dem  historischen,  wie  dem
kritischen  Interesse  muß  in  gleichem  Maße  entgegengekommen  werden.
Nun,  und  ich  glaube,  daß  die  Geschichte  der  nationalökonomischen
Doktrinen  von  Gide  und  Rist  diesem  Ideale  näher  kommt,  als  irgendeines ­
  der  mir  bekannten  deutschen  und  ausländischen  Bücher  über  den
Gegenstand.
Das  Buch  setzt  gerade  dort  ein,  wo  Oncken  und  Adler  die  Feder
haben  niederlegen  müssen,  so  daß  der  deutsche  Nationalökonom  mit  diesen
drei  einander  ergänzenden  Werken  eine  volle  Darstellung  der  Geschichte
seiner  Wissenschaft  besitzt.  Es  zeichnet  die  Entwicklung  unserer  Wissenschaft ­
  von  der  Physiokratie  an  bis  auf  die  allerletzte  Gegenwart  in  allen
ihren  Richtungen,  die  Geschichte  der  bürgerlichen  so  gut  wie  die  der
sozialistischen  Theorien,  die  mit  vollem  Recht  als  wissenschaftlicher
Betrachtung  gleich  würdig  betrachtet  werden.
Dem  Herausgeber  steht  nicht  zu,  der  wissenschaftlichen  Kritik
ihr  Urteil  vorwegzunehmen.  Nur  eine  prinzipielle  Bemerkung  wird  gestattet ­
  sein:
Offenbar  kann  man  Dogmenkritik  nur  dann  treiben,  wenn  man
selbst  einen  festen,  einheitlichen  theoretischen  Standpunkt  hat.  Und
ebenso  offenbar  muß  solche  Kritik  jedem  als  einseitig  erscheinen,  der
auf  einem  anderen  theoretischen  Standpunkt  steht.  Das  ist  bei  dem
Zustande  unserer  Wissenschaft  unvermeidlich,  deren  Vertreter  in  keinem
einzigen  Punkte  untereinander  einig  sind.  Unter  solchen  Umständen
hat  der  Kritiker  einer  solchen  Dogmenkritik  soweit  wie  möglich  von  seinem
eigenen  Parteistandpunkt  abzusehen  und  nur  zu  fragen,  ob  der  Verfasser
den  lauteren  Willen  zu  so  viel  Objektivität  der  Auffassung,  Darstellung
und  Kritik  gehabt  und  betätigt  hat,  wie  erwartet  werden  durfte.  Und
der  Antwort  auf  diese  Frage  in  dieser  Form  dürfen  die  Verfasser  mit  Ruhe
entgegensehen,  wenn  ich  von  meinem  Standpunkt  aus  urteilen  darf,  der
ich  selbst  in  wichtigen  Punkten  der  theoretischen  Auffassung  von  ihnen
abweiche.  Um  das  bedeutsamste  herauszuheben,  so  glaube  ich  z.  B.,
daß  sie  der  Grenznutzenschule  mehr  zugebilligt  haben,  als  ihr  zukommt.
            
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