Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

191

überzeugt,  daß  man  in  schwerwiegende  lrrtümer  verfallen  ist,  weil  man
stets  alles  verallgemeinern  wollte,  was  mit  den  sozialen  Wissenschaften
in  Verbindung  steht“ 1 ).
Diese  Kritik  richtet  sich  nicht  allein  gegen  Ricardo  und  Mac  Culloch,
sondern  auch  gegen  J.-B.  Say  selbst,  der  sich  bemüht  hatte,  die  Nationalökonomie ­
  auf  die  Darlegung  einiger  allgemeiner  Grundsätze  zurückzuführen.
  Sie  bereitet  die  Auffassung  vor,  die  die  deutsche  historische  Schule
späterhin  sich  rühmte,  als  die  erste  vertreten  zu  haben.  Sismondi,  der
Reibst  Historiker  war  und  sich  als  Schriftsteller  hauptsächlich  mit  dringlichen ­
  Reformen  beschäftigte,  konnte  nicht  anders,  als  die  Wirkung,  die
nie  sozialen  Einrichtungen  und  die  Politik  auf  den  wirtschaftlichen  Wolil-^
 a nd  haben,  hervorzuheben.  Er  gibt  z.  B.  eine  gute  Anwendung  seiner
Methode,  wenn  er  in  der  Untersuchung  über  den  wahrscheinlichen  Einfluß,
ncn  eine  vollständige  Abschaffung  der  „Corn-Laws“  in  England  haben
''cide,  darauf  hinweist,  daß  die  Frage  nicht  durch  einige  theoretische
Begründungen  gelöst  werden  könne,  und  daß  die  verschiedenen  Arten
Und  Weisen  der  Bewirtschaftung  des  Bodens  in  Rechnung  gezogen  werden
Müssen.  Ein  Land  der  Pächter  wie  England  setzt  sich  der  Gefahr  aus,  nur
schwer  der  Konkurrenz  solcher  Länder,  die  mit  Frondiensten  arbeiten,
Mderstehen  zu  können,  wie  z.  B.  Polen  oder  Rußland,  wo  das  Getreide
, em  Besitzer  nur  „einige  hundert  unter  die  Bauern  zu  verteilende  Stockhiebe“ ­
  kostet 2 ).
•  Bie  Vorstellung  Sismondi’s  über  die  nationalökonomische  Methode
st  zweifellos  stets  richtig,  wenn  es  sich  darum  handelt,  praktische  Fragen
Versuchen,  die  zukünftigen  Folgen  einer  gesetzgeberischen  Reform
ctauszusehen  oder  die  Ursachen  besonderer  Ereignisse  klar  zu  legen;
enn  es  sich  aber  darum  handelt,  sich  den  allgemeinen  Mechanismus  der
jrtschaftlichen  Welt  vorzustellen,  kann  der  Volkswirtschaftler  nicht  ohne
Fraktionen  auskommen,  und  Sismondi  selbst  hat  darauf  zurückgreifen
’tssen.  Allerdings  hat  er  das  mit  einem  eigentümlichen  Ungeschick
g®  an,  und  sein  Mangel  an  Erfolg  in  der  Konstruktion  und  der  Diskussion
Frakter  Theorien  mag  wohl  die  Ursache  seiner  Vorliebe  für  die  entgegensetzte ­
  Methode  sein.  Auf  jeden  Fall  erklärt  sie  uns  teilweise  den  lebhaften
bet  er F )ruc 'h’  den  sein  Buch  unt^r  den  Anhängern  der  „volkswirtschaftpV
 en  Orthodoxie“  erregte,  eine  Bezeichnung,  die  von  ihm  stammt  (Neue
und  die  starken  Anklang  fand.
erste  \^ tudes  sur  l’ßconomie  politique,  Vorwort  S.  V.  Schon  in  seinem
giünrt  t  La  richesse  commerciale  hatte  er  gesagt:  „Die  Volkswirtschaft
d (;s  j, e  s ' c h  auf  das  Studium  des  Menschen  und  der  Menschen.  Man  muß  die  Natur
d Mu;  7 SCllen  kenil en,  den  Zustand  und  das  Schicksal  der  Gesellschaften  zu  verschie-Z
 i e lJ’  ^ el ten  und  an  verschiedenen  Orten,  man  muß  Historiker,  Reisende  usw.  zu  Rate
"  E ] ’ne  solche  Untersuchung  ...  ist  die  Philosophie  der  Geschichte  und  der
(h  S.  14ff.).
)  Nouv.  Princ.,  I,  S.  257.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.