Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

Im  besouderen  kann  man  sich  kaum  etwas  Verworreneres  vorstellen,
als  die  Beweisführungen,  mit  denen  er  die  Möglichkeit  einer  allgemeinen
Überproduktion  darzutun  sich  bemüht 1 ).  Als  Ausgangspunkt  nimmt  er
eine  Unterscheidung  zwischen  dem  jährlichen  Einkommen  und  der  jährlichen ­
  Produktion  eines  Landes  an.  Nach  ihm  würde  das  Einkommen
eines  Jahres  die  Produktion  des  folgenden  Jahres  bezahlen 2 ).  Wenn  daher
die  Produktion  eines  Jahres  größer  ist,  als  das  Einkommen  des  vorhergehenden, ­
  so  bleibt  ein  Teil  dieser  Produktion  unverkauft,  und  die  Produzenten ­
  werden  ruiniert.  Sismondi  schließt  hier  so,  als  bestehe  das
Volk  aus  Landwirten,  die  jedes  Jahr  die  fabrizierten  Erzeugnisse,  welche
sie  brauchen,  mit  den  Einkünften  kaufen,  die  ihnen  der  Verkauf  der  vorjährigen ­
  Ernte  gebracht  hat.  Es  ist  selbstverständlich,  daß  bei  Überfluß
an  fabrizierten  Erzeugnissen  das  Einkommen  der  Landwirte  nicht  ausreicht, ­
  um  sie  zu  einem  genügend  hohen  Preise  zu  bezahlen.
Aber  in  seiner  Beweisführung  liegt  eine  doppelte  Verwechslung.  Das
jährliche  Einkommen  eines  Volkes  ist  im  Grunde  genommen  nichts  anderes
als  seine  jährliche  Produktion.  Die  eine  kann  daher  nicht  geringer  als  die
andere  sein,  da  ja  beide  dasselbe  vorstellen.  Auf  der  anderen  Seite  sind
es  nicht  die  Produktionen  zweier  verschiedener  Jahre,  die  sich  gegeneinander ­
  austauschen,  sondern  die  verschiedenen  Erzeugnisse,  die  jedes  Jäbr
geschaffen  werden,  werden  gegeneinander  ausgetauscht,  oder  vielmehr
(denn  diese  Einteilung  des  wirtschaftlichen  Lebens  in  jährliche  Perioden
hat  mit  der  Wirklichkeit  nichts  gemein)  sind  es  verschiedene  Produkte,
l )  Das  Ungeschick  Sismondi’s  in  abstrakter  Beweisführung  geht  noch  aus  einer
Menge  anderer  Stellen  hervor,  besonders  aus  der  Ungenauigkeit  seiner  Definitionen,
bald  betrachtet  es  die  Arbeit  als:  „Die  Quelle  alles  Einkommens“  (I,  S.  85),  bald  als
das  Einkommen  des  Arbeiters  (I,  S.  96,  101,  110,  113,  114-  II,  S.  257  usf.),  das  zu  den
Zinsen  und  der  Bodenrente  im  Gegensatz  steht.  Niemals  hat  er  das  Nationalvermögen ­
  vom  Privatkapital  unterscheiden  können,  und  der  Lohn  ist  ihm  bald  Kapit al >
bald  Einkommen  (S.  379).  Beständig  braucht  er  unbestimmte  Ausdrücke,  wie  reich
und  arm,  um  Kapitalisten  und  Arbeitende  zu  unterscheiden  (II,  Kap.  V).  Zur  Erklärung ­
  der  Art  und  Weise,  wie  sich  die  Höhe  der  Zinsen  festsetzt,  schreibt  er  an  einer
Stelle:  „Die  Kräfte  der  Geldgeber  (das  Kapital)  und  die  Geldentleiher  kommen  z 11
einem  Gleichgewicht;  wie  auf  allen  anderen  Märkten  einigen  sie  sich  auf  einem  p r °'
portionalen  Durchschnitt“  (!)  (II,  S.  36).  Ebenso  wirft  er  ständig  Einkommen
in  natura  mit  Geldeinkommen  zusammen.
®)  „Das  Einkommen  des  vorhergehenden  Jahres  muß  die  Produktion  dieses  (d-  ndes
  laufenden)  Jahres  bezahlen“  (Nouv.  Princ.,  I,  S.  120).  Weiterhin  schreibt  er:
„Zum  Schluß  geschieht  überhaupt  nichts  anderes,  als  die  Gesamtmenge  der  Jahresproduktion ­
  gegen  die  Gesamtmenge  der  Jahresproduktion  des  vorhergehenden  Jahres
auszutauschen“  (S.  121).  Sismondi  legt  großes  Gewicht  auf  diesen  Unterschied  zwischen
dem  Volkseinkommen  und  der  Jahresproduktion:  „Die  Vermengung  von  jährlichem
Einkommen  und  Jahresproduktion  hüllt  die  ganze  Wissenschaft  in  Dunkel,  aber  Alles
wird  im  Gegenteil  klar  und  verständlich,  alle  Tatsachen  stimmen  mit  der  Theorie
überein,  sobald  man  diese  Unterscheidung  macht“  (I,  S.  366—367).  Dabei  ist  er  es
gerade,  der  Verwirrung  schafft.
            
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