Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

196

Zweites  Buch.  Die  Gegner.

gezwungen,  nachzugeben;  allerdings  wird  die  Anpassung  eintreten,  aber
nach  wieviel  Ruin,  nach  wieviel  Unglück!
„Die  Produzenten  werden  sich  nicht  eher  von  der  Arbeit  zurückziehen,
und  nicht  eher  wird  ihre  Zahl  geringer  werden,  als  bis  eine  Anzahl  der
Geschäftsinhaber  Bankerott  gemacht  hat,  und  bis  ein  Teil  der  Arbeiter
Hungers  gestorben  ist“ 1 ).  „Hüten  wir  uns,  sagt  er  zum  Schluß,  vor  dieser
gefährlichen  Theorie  des  Gleichgewichts,  das  sich  selbst  herstellt.  .  .  .
Allerdings  stellt  sich  auf  die  Dauer  ein  gewisses  Gleichgewicht  ein,  aber
nur  nach  furchtbaren  Leiden“ 2 ).  Diese  Bemerkung,  die  schon  zur  Zeit
Sismondi’s  richtig  war,  bildet  heute  die  Grundlage  der  Geschäftspolitik
der  Trusts  und  Kartelle.
Wie  vermehrt  sich  seit  dem  Anfang  des  19.  Jahrhunderts  hauptsächlich
die  Produktion?  Durch  die  Vermehrung  der  Maschinen.  Daher  richtet
Sismondi  seine  hauptsächlichsten  Angriffe  gegen  die  Maschinen.  Und
gerade  deshalb  hat  er  sich  als  Reaktionär  behandeln  lassen  müssen,  ist
sogar  als  unwissend  hingestellt  worden  und  hat  ein  halbes  Jahrhundert
hindurch  seinen  Platz  unter  den  Volkswirtschaftlern  verloren.
Auch  das  ist  einer  der  Punkte,  über  die  die  klassischen  Nationalökonomen ­
  sich  in  vollständiger  Übereinstimmung  befanden 3 ).  Für  sie
sind  die  Maschinen  wohltätige  Einrichtungen,  weil  sie  die  Lebensmittel
billiger  liefern,  weil  sie  einen  Teil  des  Einkommens  der  Verbraucher  freisetzen, ­
  weil  sie  infolgedessen  die  Nachfrage  nach  anderen  Produkten  vermehren, ­
  und  so  der  Arbeit,  die  sie  zuerst  überflüssig  gemacht  haben,
Beschäftigung  verschaffen.  Sismondi  leugnet  nicht,  daß  sich  theoretisch
das  Gleichgewicht  zum  Schluß  wieder  hersteilen  wird;  jede  neue  Produktion ­
  muß  aufdieDaueran  irgendeiner  Stelle  einen  neuen  Verbrauch
schaffen.  Betrachten  wir  aber  die  Wirklichkeit.  Hören  wir  auf,  „Zeit  und
Raum  außer  acht  zu  lassen“;  setzen  wir  die  Hindernisse  und  die  Reibungen
des  sozialen  Mechanismus  in  Rechnung.  Was  sehen  wir  da?  Die  unmittelbare ­
  Wirkung  der  Maschine  besteht  darin,  Arbeiter  auf  die  Straße  zu
werfen,  ihre  gegenseitige  Konkurrenz  zu  verschärfen,  die  Löhne  aller
Anderen  auf  dem  Markte  zu  erniedrigen  und  so  weiterhin  ihren  Verbrauch
und  infolgedessen  ihre  Nachfrage  zu  vermindern.  Weit  davon  entfernt,
stets  wohltätig  zu  sein,  tritt  die  nützliche  Wirkung  der  Maschinen  nur

1)  N.  P.,  I,  S.  333—334.
2 )  N.  P.,  I.  S.  220—221.
3 )  Die  Übereinstimmung  ist  aber  nicht  vollständig.  Ricardo  hat  allerdings  der
3.  Ausg.  seiner  Principles  ein  Kapitel  über  die  Maschinen  angefügt,  in  dem  er  bekennt, ­
  sich  getäuscht  zu  haben,  als  er  annahm,  daß  die  Maschinen  stets,  nach  einiger
Zeit,  den  Arbeiterinteressen  nützlich  werden.  Br  erkennt  an,  daß  die  Arbeiter  immer
unter  den  Maschinen  leiden  werden,  wenn  dieselben,  sei  es  auch  unter  Erhöhung  des
Nettoertrages,  den  Bruttoertrag  der  Industrie  verringern.  Er  scheint  zu  glauben,
daß  dieser  Fall  häufig  genug  eintreten  kann.  In  Wirklichkeit  wird  er  nur  selten  Vorkommen. ­

            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.