Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

-Kapitel  I.  Sismondi  und  die  Ursprünge  der  kritischen  Schule.

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dann  ein,  wenn  ihrer  Einführung-  ein  Wachstum  der  Einkünfte  und  infolgedessen ­
  eine  neue  Arbeitsmöglichkeit  für  die  Arbeiter,  deren  Stelle  sie
eingenommen  haben,  vorausgegangen  ist.  „Selbstverständlich  wird
niemand  bezweifeln,  daß  ein  Vorteil  darin  liegt,  einen  Menschen  durch
eine  Maschine  zu  ersetzen,  aber  nur,  solange  dieser  Mensch  anderweit
Arbeit  findet 1 ).“
Das  bestritten  aucl  weder  Ricardo  noch  Say,  aber  sie  behaupteten,
daß  es  gerade  die  Wirkung  der  Maschinen  sein  würde,  stets  an  irgendeiner ­
  Stelle  diese  Arbeitsnachfrage  hervorzurufen.  Sismondi  wird  in  seiner
Beweisführung  von  der  gleichen  falschen  Idee  beherrscht,  die  ihn  vorher
die  Möglichkeit  einer  allgemeinen  Überproduktion  hat  annehmen  lassen:
der  Idee,  daß  einer  Produktionsvermehrung,  die  nützlich  sein  soll,  stets
eine  neue  Nachfrage  vorausgehen  muß;  er  will  nicht  zugehen,  daß
indirekt  die  Vermehrung  der  Produktion  an  sich  diese  Nachfrage  schafft.
Was  aber  Wahres  an  dem  Gesichtspunkte  Sismondi’s  ist  —  und
man  kann  nie  genug  darauf  hinweisen,  —  das  ist  sein  Protest  gegen  die
Gleichgültigkeit  der  Klassiker  angesichts  der  Leiden,  die  die  Übergangsperioden ­
  mit  sich  bringen.
Die  klassischen  Volks  Wirtschaftler  haben  oft  das  von  der  Großmdustrie
  geschaffene  Elend  mit  demselben  Gleichmut  betrachtet,  mit
dem  die  Anhänger  Marx’  die  Katastrophen  der  Zukunft  im  Zusammenhang ­
  mit  der  notwendigen  Revolution  ins  Auge  fassen.
Zusammen  mit  vielen  anderen  Ähnlichkeiten  zwischen  den  Marxisten
Un d  den  Klassikern  ist  dies  eine  der  auffälligsten.  Sind  die  Vollkommenheiten ­
  der  neuen  Gesellschaftsordnung  nicht  einige  Opfer  wert?  Sismondi
a her  ist  Historiker.  Er  interessiert  sich  gerade  für  diese  Perioden  des

')  Nouv.  Princ.,  I,  S.  399.  Hier  muß  das  berühmte  Argument  der  Kurbel  angeführt ­
  werden;  Sismondi  fragt:  „Wenn  es  England  gelingen  sollte,  alle  Arbeit  aut
seinen  Feldern  und  in  seinen  Städten  von  Dampfmaschinen  ausführen  zu  lassen  und
nur  soviel  Bewohner  zu  haben,  wie  die  Republik  Genf,  gleichzeitig  aber  dieselbe
Produktionsmenge  und  dasselbe  Einkommen,  wie  heute,  müßte  man  es  dann  reicher
«der  ärmer  als  heute  nennen?  Ricardo  sagt  ja.  —  Folglich  ist  der  Reichtum  alles,
der  Mensch  absolut  nichts  ?  Dann  müßte  man  wahrhaftig  wünschen,  daß  der  wenig
a >lein  auf  seiner  Insel  lebe  und  durch  das  beständige  Drehen  einer  Kurbel  automatisch
alle  Arbeit  in  England  verrichten  lasse“  (II,  S.  329).  Man  kann  auf  den  so  formulierten
Einwurf  antworten,  daß  die  Gemeinschaft,  lange  ehe  dieser  Zustand  eintreten  könne,
S1 ch  aller  Maschinen  bemächtigt  haben  wird,  um  ihre  Erzeugnisse  unter  ihre  Mitglieder
zu  verteilen.  Die  Annahme,  daß  ein  Teil  der  Bevölkerung  ruhig  Hungers  sterben  werde,
"'ährend  der  andere  Teil  fortfährt,  die  gleiche  Menge  Erzeugnisse,  wie  früher  herzustellen, ­
  ist  widersinnig.  Im  Grunde  genommen  aber,  wenn  man  die  paradoxale  norm
außer  acht  läßt,  ist  die  Frage  Sismondi’s  nicht  zu  lösen.  Was  ist  das  bessere  Gleichgewicht ­
  zwischen  Produktion  und  Bevölkerung?  Soll  man  eine  schnell  wachsende
Bevölkerung,  deren  Reichtum  nur  wenig  wächst,  einer  stationären  oder  sogar  geringer
^erdenden  Bevölkerung,  deren  Wohlstand  sehr  groß  ist,  vorziehen?  Jedem  steht  hier
<he  Wahl  frei.  Die  Wissenschaft  hat  kein  Kriterium  dafür.
            
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