Kapitel II. Saint-Simon, die Saint-Simonisten u. d. Ursprung des Kollektivismus. 237
zu verteidigen (ein sehr enger Gesichtspunkt) 1 ), so ist das Erbrecht etwas
durchaus Richtiges. Wenn man sich aber auf den Gesichtspunkt der Saint-
Simonisten stellt, — in eine industrielle Gesellschaft, wo der Reichtum
nicht als ein Zweck, sondern als ein Mittel betrachtet wird, nicht als eine
Quelle individueller Einkünfte, sondern als ein Instrument sozialer Arbeit,
— so scheint es wirklich haarsträubend, seine Verwendung dem ersten
Besten überlassen zu sehen. Man kann das Erbrecht nur dann gut heißen,
wenn man darin für die Väter einen energischen Ansporn zur Ansamm
lung von Kapitalien sieht, — oder wenn man annimmt, daß überhaupt
keine rationelle Methode vorhanden ist, und daß der Zufall der Geburt
nicht mehr Anlaß zur Kritik gibt als irgendeine andere Verteilungs-
methode.
Dieser Skeptizismus ist aber durchaus nicht nach dem Ge
schmack der Saint-Simonisten. Sie schreiben die scheinbare oder wirk
liche Unordnung der Produktion gerade der Zersplitterung des Eigen
tums zu, das den Zufälligkeiten des Todes und der Geburt unter
worfen ist.
„Jedes Individuum ist auf seine persönlichen Kenntnisse ange
wiesen; keine Gesamtanschauung leitet die Produktion: sie geht wahllos
und ohne jede Voraussicht vor sich; an einer Stelle ist sie zu gering, an
einer anderen ist sie zu groß; diesem Fehlen einer allgemeinen Übersicht
über die Bedürfnisse des Verbrauches und über die Hilfsmittel der Pro
duktion müssen jene industriellen Krisen zugeschrieben werden, über
deren Ursprung soviel irrtümliche Erklärungen gegeben worden sind
und noch täglich gegeben werden. Wenn man in diesem bedeutenden
Zweige der sozialen Tätigkeit soviele Störungen und soviel Unordnung
Auftreten sieht, so beruht das darauf, daß die Verteilung der Arbeits
mittel von Einzelindividuen ausgeführt wird, die weder
v °u den Bedürfnissen der Industrie, noch von denen der
Menschen, noch den Mitteln, durch die sie zufrieden ge
stellt werden könnten, irgend etwas wissen; hierin allein liegt
die Ursache des Übels“ 2 ).
Um dieser angeblichen „wirtschaftlichen Anarchie“ zu entgehen,
~- die später so oft beschrieben worden ist, — sehen die Saint-Simonisten
keinen anderen Ausweg, als den Kollektivismus 3 ). Der Staat wird der
einzige Erbe. Im Besitz aller Arbeitsmittel verteilt er sie zum Besten
des allgemeinen Interesses. Sie stellen sich die Regierung wie eine große
Zentralbank vor, die alle Kapitalien verwaltet und im Besitze zahlreicher
Filialen ist. Diese „bankartige Regierung“ befruchtet auch die entferntesten
l T Siehe oben. S. 86, Anm. (Völkerreichtum, II, S. 175).
a ) Doctrine de Saint-Simon, S. 191, 192.
,. 3 ) Die Saint-Simonisten gebrauchen dieses Wort noch nicht, beschreiben aber
üle Sache sehr gut.