Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

der  Völker:  das  ist  der  ununterbrochene  Fortschritt,  der  als  Schlußglied
der  Reihe  vorauszuahnen  gestattet:  „die  allgemeine  Assoziation,  nämlich
die  Vergesellschaftung  aller  Menschen  auf  der  ganzen  Erde  in  allen  ihren
Wechselbeziehungen“ 1 ),  —  und  wieder  auf  Grund  der  gleichen  Methode
kündigen  die  Saint-Simonisten  in  ihrer  Deutung  der  Geschichte  des  individuellen ­
  Eigentums  sein  definitives  Verschwinden  an,  wenn  seine  Benutzung ­
  durch  die  Einsetzung  des  Staates  als  alleinigen  Erben  allmählich
allen  Menschen  ermöglicht  wird.
Man  könnte  die  ganze  Doktrin  der  Saint-Simonisten  als  eine  umfassende ­
  Geschichtsphilosophie  ansehen 2 ).  Aus  dieser  Philosophie  ziehen
sie  das  außerordentliche  Vertrauen,  das  sie  in  die  Verwirklichung  ihres
Traumes  setzen,  in  dem  sie  nicht  eine  Hoffnung  ,sondern  eine  Gewißheit
erblicken.  —  „Unsere  Voraussage  hat  denselben  Ursprung  und  dieselben
Grundlagen  wie  die,  die  in  den  wissenschaftlichen  Entdeckungen  zutage
treten“  (S.  119).  Die  Saint-Simonisten  betrachten  sich  als  die  freiwilligen
und  bewußten  Vertreter  einer  notwendigen  Entwicklung,  die  Saint-Simon
  entdeckt  und  beschrieben  hat 3 ).  Das  ist  ein  weiterer  Zug,  den  sie
mit  den  Marxisten  gemeinsam  haben,  jedoch  mit  zwei  bedeutungsvollen
Unterschieden.  Die  Marxisten  rechnen  auf  die  Revolution,  um  die  Evolution ­
  der  Dinge  zu  vollenden;  die  Saint-Simonisten  aber  verlassen  sich
einzig  und  allein  auf  die  Überredung 4  * );  —  auf  der  anderen  Seite,  als
wahre  Kinder  des  18.  Jahrhunderts,  glauben  die  Saint-Simonisten,  daß
die  Gedanken  und  die  Wissenschaft  die  Triebfedern  der  sozialen  Umwandlungen ­
  sein  werden,  während  Marx  nur  in  die  materiellen  Kräfte
der  Produktion  Vertrauen  hat:  denn  in  seinen  Augen  sind  die  Ideen  nur
wie  ein  Widerschein  auf  dem  Wasser,  aber  keine  lebendigen  Kräfte 6 )-1)
  Doctrine  de  Saint-Simon,  S.  144.
2 )  Diese  Philosophie  läßt  sich  in  dem  Wechselspiel  von  organischen  und
kritischen  Perioden  zusammenfassen.  Die  ersteren  charakterisieren  sich  durch
Einheit  des  Gedankens,  des  Zieles,  des  Gefühls  und  des  Einflusses  in  einer  Gesellschaft:
die  zweiten  durch  Widerspruch  in  den  Gedanken  und  Gefühlen,  durch  politische  und
soziale  Unsicherheit.  Die  ersteren  sind  ausgesprochen  religiös;  in  den  zweiten  herrscht
der  Egoismus  vor.  Die  Reformation  und  die  Revolution  sind  die  beiden  wesentlichen
Kundgebungen  der  kritischen  Epoche,  in  der  wir  leben;  der  Saint-Simonismus  führt
uns  in  die  definitiv  organische  Epoche;  er  wird  die  Religion  der  universellen  Vergesellschaftung ­
  sein,  zu  der  uns  die  historische  Entwicklung  führt.
3 )  Doctrine,  S.  121.  „Durch  die  Sympathie  sieht  der  Mensch  sein  Schicksal
voraus;  und  wenn  er  durch  die  Wissenschaft  die  Voraussichten  seiner  Sympathien
als  wahr  erkannt  hat,  wenn  er  sich  der  Berechtigung  seiner  Wünsche  bewußt  ist,
schreitet  er  mit  ruhiger  Zuversicht  der  Zukunft,  die  ihm  bekannt  ist,  entgegen.  .  •  •  •  •
So  stellt  er  sich  frei  und  wissend  in  den  Dienst  seines  Schicksals,  das  er  durch  seine
Arbeit,  wenn  auch  nicht  ändern  (was  er  übrigens  auch  nicht  wollen  würde),  so  doch
schneller  herbeiführen  kann“.  .  ..
4 )  Siehe  diesen  Gedanken  eingehend  am  Ende  der  siebenten  Seance  entwickel
(Doctrine,  S.  121ff.).
5 )  „Die  Politik“,  sagte  Saint-Simon,  „beruht  auf  der  Moral  und  die  Einrichtungen
            
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