Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

mißt  nur  dem  sozialen  Milieu  Bedeutung  zu,  so  wie  es  von  der  Erziehung"
oder  Gesetzgebung  oder  der  bewußten  Tätigkeit  der  Einzelpersonen
geschaffen  ist 1 ).  Wenn  wir  die  Umwelt  ändern,  so  ändern  wir  auch  den
Menschen.  Owen  scheint  sich  aber  nicht  um  die  „petitio  principii“  g e '
kümmert  zu  haben,  die  dieser  Gedankenreihe  zugrunde  liegt;  denn,  wenn
der  Mensch  das  Produkt  seines  Milieus  ist,  so  versteht  man  kaum,  wie  er
dieses  Milieu  ändern  kann.  Es  würde,  um  ein  gebräuchliches  Bild  zu
gebrauchen,  dasselbe  sein,  als  ob  er  sich  am  eigenen  Zopfe  aus  dem  Sumpfe
ziehen  wollte.  Diese  Inkonsequenz  war  jedoch  von  der  glücklichsten
Bedeutung!  Denn  auf  ihr  beruht  jene  bewunderungswürdige  Bewegung,
die  viel  später  zu  den  prachtvollen  Einrichtungen  der  englischen  Gartenstädte ­
  führen  sollte.  Owen  ist  es  zu  danken,  daß  man  sich  bemüht,  der
Arbeit  einen  Rahmen  von  Bequemlichkeit  und  Schönheit  zu  geben,  der
ihre  Leistungsfähigkeit  verdoppelt.
Vom  moralischen  Gesichtspunkte  aus  gelangt  diese  deterministische
Auffassung  natürlich  dazu,  alle  Verantwortlichkeit  des  Individuum»
zu  leugnen 2 );  jeder  Gedanke  an  Verdienst  oder  Fehler,  Lob  oder  Tadel,
Belohnung  oder  Strafe  verschwindet,  da  das  Individuum  nicht  anders
sein  kann,  als  es  ist.
Um  so  mehr  noch  schließt  sie  jeden  religiösen  Einflnß,  sogar  den
der  christlichen  Religion  aus.  Diese  Bemerkung  ist  nicht  überflüssig,
weil  sie  erklärt,  weshalb  Owen  in  der  englischen  Gesellschaft  keine  Unterstützung ­
  fand,  die  sich  gegen  das,  was  sie  für  ein  zynisches  Bekenntnis
zum  Atheismus  hielt,  auflehnte,  obgleich  Owen  in  Wirklichkeit  Deist
war 3 ).
Vom  wirtschaftlichen  Gesichtspunkte  aus  führte  diese  Lehre  zum
absoluten  Gleichheitssystem,  zu  der  Entlohnung  gemäß  den  Bedürfnissen
und  nicht  gemäß  den  Fähigkeiten,  denn  warum  sollte  die  Tatsache,  daß
jemand  intelligenter  oder  kräftiger  oder  sogar  arbeitsamer  sei,  einen
Anspruch  auf  eine  höhere  Entlohnung  rechtfertigen,  da  dies  doch  einzig
q  In  dem  System  Owen’s  nimmt  die  Erziehung  einen  außerordentlich  große 11
Platz  ein.  Auf  Grund  seiner  philosophischen  Lehre  mußte  sie  auch  allmächtig  sein-Durch
  die  Erziehung  erzieht  man  den  Menschen,  den  man  will,  ebenso  wie  man  Stiefel
oder  Hüte  macht.  Es  würde  ganz  interessant  sein,  diese  Gedanken  mit  denen,  di»
Rousseau  in  seinem  Lmile  dargelegt  hat,  zu  vergleichen,  doch  würde  uns  dies  zu  wen
von  unserem  Gegenstand  entfernen.
-)  „Die  Idee  der  Verantwortlichkeit  ist  eine  der  widersinnigsten  und  hat  m
Wirklichkeit  eine  Menge  Übel  verursacht“  (Catechism  of  the  New  Mora
World,  1838).
3 )  Wenn  man  Owen  glauben  darf,  so  hat  ihm  gerade  dieser  Determinismus,  de
ihn  bei  der  guten  Gesellschaft  unmöglich  machte,  großen  Einfluß  auf  die  Arbeiterkl asSe
verliehen;  er  schreibt  dies  ausdrücklich  dem  Umstande  zu,  „daß  ich,  von  relig iös ®“
Vorurteilen  befreit,  die  Menschen  und  die  Natur  des  Menschen  mit  unbegrenzter  Nachsicht ­
  betrachte,  und  daß  die  Menschen  mir  nicht  mehr  als  für  ihre  Handlungen  verantwortlich ­
  erscheinen“  (Autobiographie,  von  Dolleans  angeführt,  S.  74).
            
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