Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

Kapitel  IV.  Friedrich  List  und  die  nationale  Volkswirtschaftslehre.  287

anerkannt.  In  Deutschland,  wie  in  England,  in  Frankreich  wie  in  Rußland
ist  unter  den  wissenschaftlichen  Autoritäten  die  Übereinstimmung  vollständig. ­
  Die  Sozialisten  lassen  diese  Frage  entweder  beiseite  oder,  wenn
sie  sich  mit  ihr  beschäftigen,  stimmen  sie  mit  den  Nationalökonomen
überein 1 ).  Einige  vereinzelte  Schriftsteller  machen  zwar  Vorbehalte  oder
erheben  Einwürfe,  aber  diese  gelangen  nicht  zur  Kenntnis  des  großen
Publikums 2 ).  Allerdings  bleiben  die  Regierungen  und  die  Parlamente
zum  größten  Teil  der  Übertragung  der  neuen  Ideen  auf  die  Praxis  feindlich
gesinnt,  aber  sogar  hier,  wo  so  viele  mächtige  Interessen  ihr  entgegenstehen, ­
  kann  man  den  wachsenden  Einfluß  der  Lehre  Smith  s  wahrnehmen.
Der  liberale  preußische  Zolltarif  von  1818,  die  Reformen  des  Ministers
Hüskisson  in  England  (1824—1827)  wurden  von  ihren  Urhebern*  mit
voller  Absicht  als  eine  teilweise  Anwendung  dieser  Prinzipien  betrachtet.
Es  bedurfte  der  besonderen  historischen  und  wirtschaftlichen  Bedingungen, ­
  in  denen  sich  Deutschland  am  Anfang  des  19.  Jahrhunderts
befand,  um  einen  Widerspruch  hervorzurufen.  Trotzdem  dieser  Widerspruch ­
  erst  spät  kam,  erregte  er  deshalb  nicht  weniger  Aufsehen.  Priedrich
E is t  war  es,  der  in  seinem  1841  erschienenen  Buche:  Das  nationale
^ystem  der  politischen  Ökonomie,  sich  zum  neuen  Theoretiker  des
Schutzzolls  machte.  In  seinem  Vorwort  sagt  er:  „Die  Geschichte  meines
Bu ches  ist  die  Geschichte  der  Hälfte  meines  Lebens.“  Mit  der  gleichen

zoll  ^  Sismondi  (Nouveaux  Principes,  Bd.  IV,  Kap.  XI)  bekämpft  das  Schutzsurd^rf
 111 ’  dem  er  vorwirft >  die  Überproduktion  zu  verursachen,  und  ebenso  das  abdi
  y  ® es treben  aller  Nationen,  sich  selbst  genügen  zu  wollen.  Saint-Simon  betrachtet
die  Ü  jschranken  als  eine  Folge  des  nationalen  Hasses  (CEuvres  III,  S.  36)  und  lobt
Zle ^  °Ikswirtschaftler,  nachgewiesen  zu  haben,  „daß  jeder  Mensch  in  sozialer  Be-Iteiwf
  S ' cl1  elnzl S  als  Glied  einer  Gesellschaft  von  Arbeitern  fühlen  muß,  da  das  ganze
cair,  )(?& esc hl ec ht  ein  Ziel  und  gemeinsame  Interessen  hat“  (Lettres  ä  un  Amdrißähe'
  ^ uvres i  II,  186—187).  Die  Saint-Simonisten  sind  der  Frage  nicht  direkt
träun  f^ e ^ re ^ en ’  doch  ergibt  es  sich  von  selbst,  daß  Schutzzölle  in  der  von  ihnen  geu
 nter  j*’  a %emeinon  Assoziation  keinen  Platz  haben.  Was  Fourier  betrifft,  so  wird
p re j>  .  Phalanges  auf  der  ganzen  Oberfläche  der  Erde  im  Güterumlauf  die  größte
niw 011 ® 11 -  W-  Bourgin:  Fourier,  S.  326—329,  Paris  1905.)
E rs j.  ,  ^ lr .  Stieren  nur  zwei  davon:  Augustin  Cournot  und  Louis  Say,  Nantes.  Der
Ihdor'  sel uen  Recherches  sur  les  principes  mathdmatiques  de  la
zur  Zpjf  .  8  Richesses  (1838),  einem  heute  berühmt  gewordenen  Werke,  das  aber
kritisip.,  Se !5 1 . es  Frscheinens  vollständig  unbeachtet  blieb,  die  Theorie  des  Freihandels
Vcrursa  üi  ^  eSer  ^ e d  seines  Buches  ist  jedoch  nicht  der,  der  seine  spätere  Berühmtheit
Sc hiedr  —  Louis  Say  (1774—1840)  war  der  Bruder  J.-B.  Say’s.  Er  hat  ver-Baehrpr-
 118 !  "  el d £e  herausgegeben,  die  in  Vergessenheit  geraten  sind,  und  in  denen  er
höchst 6  '(if- Von  seinem  Bruder  verteidigten  Grundsätze  kritisiert,  was  dem  Letzteren
Scir  i„ lrU  .  Wir  erwähnen  hier  nur  sein  letztes  1836  erschienenes  Buch:  Etudes
Tonern nCheSSe  des  nations  et  röfutation  des  principales  erreurs  en
Würde  i! 6  politi que,  denn  dieses  ist  das  Buch,  das  List  erwähnt.  Wahrscheinlich
Überset?  ne  Bi st  der  Name  Louis  Say’s  vergessen  worden  sein.  Richelot,  in  seiner
L°u ls  ■ LlST ’ s  ( 2 -  Aus g-  477 )>  führt  eini g e  der  wichtigsten  Stellen  des  Buches

s  an.
            
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