Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

§  2.  Die  Quellen  List’s.  —  Sein  Einfluß  auf  die  späteren
schutzzöllnerischen  Lehren.
Man  hat  viel  über  den  Ursprung  der  schutzzöllnerischen  Ideen  List’s
gestritten.  Schon  in  Frankreich  hatte  unser  Schriftsteller  in  den  Werken
Dupin’s  und  Ciiaptal’s  Gründe  für  seine  These  gefunden.  Er  wurde  aber
in  seiner  ablehnenden  Haltung  gegenüber  dem  Laisser-faire  von  den
Männern,  mit  denen  er  in  Amerika  in  Berührung  kam,  bestärkt.  Er  trat
dort  nämlich  in  enge  Beziehungen  zu  den  Mitgliedern  der  „Gesellschaft
von  Philadelphia  zur  Stärkung  der  nationalen  Industrie“.  Diese  Gesellschaft ­
  war  von  dem  amerikanischen  Staatsmann  Hamilton  gegründet
worden,  dem  Verfasser  des  berühmten  „Report  on  manufactures“,  in  dem
schon  1791  dargelegt  wurde,  daß  es  für  die  Vereinigten  Staaten  notwendig
sei,  den  Aufschwung  ihrer  jungen  Industrie  durch  Zollschranken  zu  begünstigen ­
 1 ).  Hamilton’s  Argumente,  die  List  aller  Wahrscheinlichkeit
nach  gekannt  hat,  zeigen  oft  eine  auffallende  Ähnlichkeit  mit  denen  des
nationalen  Systems 2 ).  Die  Gesellschaft  von  Philadelphia,  an  deren

9  Da  es  uns  unmöglich  gewesen  ist,  uns  die  Werke  Hamilton’s  zu  verschaffen,
geben  wir  hier  nach  Bastable  (Commerce  of  Nations,  2.  Ausg.,  London  1899,
S.  120)  die  wichtigsten  Argumente  des  Report  über  die  Vorteile  der  Industrie.  Sie
gestattet  eine  größere  Arbeitsteilung;  sie  liefert  denen  Beschäftigung,  die  keine  haben;
sie  gibt  einen  regelmäßigeren  Markt,  als  die  ausländischen  Länder;  sie  begünstigt  die
Einwanderung.
2 )  Auch  ist  es  sehr  wahrscheinlich,  daß  List  die  Werke  eines  anderen  amerikanischen ­
  Schutzzöllners,  Daniel  Raymond  gelesen  hat,  dessen  Thoughts  on  political
Economy  1820  erschienen  und  vier  Auflagen  hatten.  (  Vgl.  Daniel  Raymond  von
Charles  Patrick  Neill,  Baltimore  1897).  Es  ist  das  die  Meinung  der  meisten,  die
sich  in  diesen  letzten  Jahren  mit  List  beschäftigt  haben;  Frl.  Hirst  in  ihrem  Buch:
Life  of  Friedrich  List  und  Kurt  Köhler  in  seinem  Werk:  Problematisches
zu  Friedri  ch  List  (Leipzig  1909).  Es  erscheint  uns  aber  sehr  übertrieben,  in  Raymond
(wie  es  z.  B.  Rambaud  in  seiner  Histoire  des  doctrines  getan  hat),  den  stärksten
Beeinflusser  List’s  zu  sehen.  Abgesehen  davon,  daß  die  Gedanken  Raymond’s  nichts
besonders  Selbständiges  an  sich  haben,  und  daß  List  in  den  Vereinigten  Staaten  in
einer  Umgebung  von  Schutzzöllnern  lebte,  in  der  diese  Gedanken  gang  und  gäbe
waren,  muß  darauf  hingewiesen  werden,  daß  List  ihn  nie  zitiert.  Dagegen  erwähnt
er  sehr  oft,  höchst  lobend  (und  zwar  schon  in  seinen  Briefen  an  Inger  so  11),  die  beiden
französischen  Schriftsteller  Dupin  und  Chaptal.  Der  Ausdruck  „produktive  Kräfte“
(forces  productives)  findet  sich  schon  in  dem  Werk  des  Baron  Dupin:  Situation
progressive  des  forces  de  !a  France  (Paris  1827)  im  ersten  Satz:  „Hiermit
übergebe  ich  der  Öffentlichkeit  die  Einführung  eines  Werkes,  überschrieben:  Forces
productives  et  commerciales  de  la  France.  So  nenne  ich  die  vereinigten
Kräfte  des  Menschen,  der  Tiere  und  der  Natur,  die  sich  in  Frankreich  mit  der  Landwirtschaft, ­
  den  Werkstätten  und  dem  Handel  befassen.“  Ebenso  findet  sich  schon
der  Gedanke  des  Schutzzolls  für  entstehende  Industrien  klar  bei  Chaptal  ausgedrückt. ­
  1819  in  De  l’Industrie  frangaise  kann  man  auf  Seite  XLVI  der  Vorrede ­
  lesen:  „Man  hat  sich  recht  bald  überzeugt,  daß  es  nicht  immer  genügt,  die  natürlichen ­
  Hindernisse  überwinden  zu  wollen,  die  sich  einer  Entwicklung  der  Industrie
            
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